Die Wahrheit über den 5. Spieltag

Auf dem Dortmunder Bahnhofsvorplatz standen drei Fans von Union Berlin und breiteten ein Transparent auf dem Boden aus, auf dem der Derbysieger von 2010 den BVB grüßt. Sie waren in der Hoffnung gekommen, Hertha verlieren zu sehen, aber sie ließen sich die gute Laune nicht verderben. Hauptsache, sie hatten letztes Jahr gegen die Blauweißen gewonnen. Die Hertha-Fans waren in der Regel zu breit, um die kleine Provokation wirklich zu verstehen, außerdem spielte das sowieso keine Rolle mehr, denn schließlich hatten sie gegen den Deutschen Meister gewonnen, und das nicht unverdient. Da waren sich alle einig, selbst der ein oder andere stark alkoholisierte Dortmund-Fan, der einem ebenfalls stark alkoholisierten Hertha-Fan gratulierte, dann aber nur eine Zigarette schnorren wollte. Das Elend auf dem Bahnhofsvorplatz, wo man viel wankendes junges Volk und viel chicks on the run beobachten konnte, war die Fortsetzung des Elends mit anderen Mitteln, das vorher auf dem Platz stattgefunden hatte. Die Dortmunder fanden zu keinem Zeitpunkt zu ihren Rhythmus, und gegen die tief stehenden Berliner waren sie hilflos. Schnell verstrickten sie sich in der engmaschigen Abwehr, die Fehlpässe häuften sich und überraschend häufig wurden die Zweikämpfe verloren. Gündogan trabte viel auf dem Spielfeld herum, aber außer ein paar Kurzpässen zurück zu Hummels brachte er nichts zustande, weshalb er bereits zur Pause ausgewechselt wurde, und auch Kuba hatte nicht seinen besten Tag erwischt. Man hätte es wissen können, die Experten aber hatten 4:1 für Dortmund getippt, dabei steckt den Dortmundern nicht nur das Spiel morgen gegen Arsenal im Kopf, es wird auch immer offensichtlicher, daß Dortmund seine besten Spieler nicht ersetzen kann. Sahin war in der Lage, mit genialen Pässen seine Mitspieler glänzen zu lassen. Davon ist Gündogan noch weit entfernt. Der wegen Rot gesperrte Götze kann sowieso niemand ersetzen, und auch Barrios fehlte, der als Strafraumwusler gegen Hertha mehr gebracht hätte als Lewandowski, der Räume braucht, die ihm nicht gegeben wurden und die ihm auch niemand verschaffte. Keine Mannschaft verkraftet den Wegfall von drei Weltklasseleuten, und viel mehr hat Dortmund auch nicht. Jedenfalls war an diesem Spieltag keiner auch nur annähernd in der Form, aber was noch erschreckender war, es fehlte offensichtlich auch das Verständnis füreinander, Mißverständnisse beim Passen häuften sich und auch mit der Kommunikation haperte es, als ein Berliner von hinten kommend Hummels einfach den Ball abluchsen konnte, ohne das der Dortmunder von seinen Mitspielern gewarnt worden wäre. Auch die früher gefürchteten Flankenläufe von Schmelzer und Piszczek blieben aus, und die Bälle, die im Strafraum ankamen, waren immer eine sichere Beute für die Blauweißen. Nur selten und nicht gerade im Strafraum blitzte so etwas wie Kombinationsfreude auf, die über mehrere Stationen klappte, sonst aber rannten die Dortmunder vergeblich an. Klopp meinte auf der Pressekonferenz, es hätte nicht an den Abschlüssen gemangelt, 27 Mal hätte man auf das Tor geschossen, aber die meisten Schüsse waren kaum als solche wahrzunehmen. Und dann kam auch noch Pech dazu, als der herbeieilende Schmelzer den bereits von Weidenfeller abgewehrten Ball Raffael zum 1:0 vor die Füße legte. Wenn sich aus diesem Spiel eine Tendenz herauslesen läßt, dann die des gefürchteten Absturzes nach einer Meisterschaft, der sich als Muster (außer bei den Bayern) fast schon verläßlich abzeichnet. Und in der Champions-League wird man in dieser Verfassung die Gruppenphase schon gleich gar nicht überstehen.