Die Wahrheit über den 7. Spieltag

Schon lange hatte ich vom Burn-out nichts mehr gehört. Mitte der achtziger Jahre war die Krankheit groß in Mode gekommen und war eine Erklärung dafür, warum viele Leute einfach keine Lust mehr hatten. Jetzt ist das Syndrom zurückgekehrt. Zu Ralf Rangnick. Emotionale Leere hätte ihn befallen, diagnostizierten die Experten die Krankheit, als ob das nicht der Normalzustand der meisten Menschen ist. Wie man dem Syndrom auf die Schliche kommen könne? Dazu müßte man u.a. die Frage beantworten: »Fühlten Sie sich im letzten Monat häufiger niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos?« Sehen Sie, auch Sie leiden am Burn-out-Syndrom. Aber statt jetzt darüber zu lamentieren, daß im Profifußball der Druck und die Belastung so hoch sei und das Gewerbe deshalb so unmenschlich, muß man Uli Hoeneß recht geben, denn in einer Bank sind die Leute ähnlichen stressigen Bedingungen ausgesetzt, und dieser Vergleich hat ja auch was, denn in beiden Bereichen herrscht das Mediokre und Mittelmäßige vor. Was immer das bedeutet, manche haben einfach nicht die psychische Struktur, um abschalten zu können und sich eine Erholungspause zu gönnen, manche müssen das auch nicht und manche brauchen den Streß als Lebenselixier, wie ich das bei Jürgen Klopp vermute. Ralf Rangnick hatte in seinem Leben schon mit überdurchschnittlich großen Arschgesichtern zu tun (Tönnies und Hopp), und vom Anspruch nach Perfektion getrieben, machte es ihn krank, mit ansehen zu müssen, was seine Spieler auf dem Feld verzapften, wenn sie seine Vorgaben nicht erfüllten, und krank machte es ihn auch, für die Journalisten immer den gleichen Mist erzählen zu müssen, denn das Reden über Fußball ist begrenzt. Es lebt von der unendlichen Wiederholung. Ich merke das schon an dieser Kolumne, und an schlechten Tagen denke ich an all die Worte, die man eigentlich im Sprechen über Fußball eliminieren müßte. Übrig bliebe wahrscheinlich ein Stammeln. Komischerweise ist es gerade die Wiederholung, die die Leute wollen. Es gibt ihnen Sicherheit in ihrem kleinen Kosmos, in dem alles beim Alten bleiben soll. Aber bevor ich jetzt gleich ein Burn-out kriege und in Schreibstarre verfalle, muß ich bekennen, daß es mir ganz gut geht, denn Dortmund hat in Mainz völlig verdient gewonnen, es aber bis zur letzten Minute spannend gemacht, bis dann Piszczek aus der zweiten Reihe einfach mal draufhielt und der Ball, der sonst immer an irgendeinem Bein abgeprallt war, plötzlich mal durchging und auch gleich ins Tor trudelte. Vorher aber, nach dem 1:0 der Mainzer fühlte ich mich niedergeschlagen, traurig, bedrückt und hoffnungslos. Und auch der Ausgleich änderte nicht wirklich etwas an diesem Zustand. Ich fühlte mich ausgebrannt. Vor allem nach dem Spiel in Hannover vor einer Woche, als der BVB in den 87. und 89. Minuten gleich zwei Treffer einstecken mußte und in der letzten Viertelstunde sich nur noch auf Verteidigung beschränkte und die souveräne Spielbeherrschung, die Dortmund 75 Minuten zelebriert hatte, aufgab, da spürte ich ganz deutlich das Burn-out. Danach las ich jeden Spielbericht, den ich kriegen konnte. In jedem stand dasselbe. Ich mußte es immer wieder lesen, wie überlegen die Dortmunder waren und wie unverdient die Niederlage, und ich suchte nach einer Erklärung, wie sie zustande kommen konnte, dabei wußte ich, daß man gegen den Zufall nichts ausrichten kann.