Autor quält seinen Protagonisten

Maler, bleib bei deiner Leinwand, denke ich manchmal. Gut, daß sich Wolfgang Herrndorf an diese Regel nicht gehalten hat. Schon mit »Tschick« ist ihm ein hinreißendes Stück Prosa gelungen, der schönste Roadmovie in Buchform. Und auch von »Sand« kann man nur restlos begeistert sein, obwohl das Buch 476 Seiten hat, was in der Regel darauf schließen läßt, daß der Autor die Tinte nicht halten kann. Herrndorf aber ist auch auf dieser langen Strecke nicht nur unterhaltsam, sondern auch klug. Eine menschliche Komödie irgendwo in einem arabischen Wüstenkaff, wo ein Mann sein Gedächtnis verliert, nichts mehr von seiner früheren Existenz weiß, sich aber zwischen den Fronten von Geheimdiensten und der lokalen Mafia befindet, und alles darauf hindeutet, daß er in seinem alten Leben eine ziemlich fiese Figur gewesen sein muß. Wie Herrndorf seinen Protagonisten über 476 Seiten quält und von einer Scheiße in die andere hineinreitet, das ist hoch komisch. Wie er sich an seiner Figur abreagiert und an ihr alles ausläßt, was seine ziemlich üppige Phantasie hergibt, befeuert von den entsprechenden Filmen, das ist schon sehr irre. Aber vielleicht will er einem zeigen, wie vergeblich das Streben nach Wahrheit ist, wie man als Spielball fremder Mächte einfach zerrieben wird, und wie banal dann das Ende ist, wenn man den schlimmsten Torturen entkommen ist, die nie jemand wirklich aushalten würde, nur um für etwas erschossen zu werden, für das man gar nichts kann. Aber das alles wäre nicht der Rede wert, wenn Herrndorf nicht so glänzend schreiben würde. In diesem Stil könnte man auch was über das ereignislose Leben einer Hausfrau lesen, ohne daß es langweilig wird.

Wolfgang Herrndorf, Sand, Rowohlt Berlin