Unter Strom

In seinem letzten Geschichten-Buch »Big Mac« geht Serhji Zhadan auf ein Konzert mit arabischer Musik. Wer macht denn sowas? Denkt man sich. Aber es geht gar nicht um das Konzert. Es geht um John Lennon. Als das Konzert nämlich zu Ende ist, kommt John Lennon rein mit seinen runden Brillengläsern, völlig breit, und das schon seit dem frühen Morgen. Die Araber wollen nach Hause, aber John Lennon hält sie auf. Er breitet die Arme aus und ruft »Halt!« Dann zieht er einen großen Joint aus der Tasche und sagt: »Ihr Araber, das ist ein Joint, den werden wir jetzt gemeinsam rauchen.« Aber die Araber haben natürlich was anderes vor. Sie wollen zur Garderobe, nach Hause, was auch immer. Da gerät John Lennon in Rage: »Ihr Kapitalisten, schreit er, ihr Opportunisten, ihr fetten Schweine, wenn ihr nicht wollt, haut doch ab, ich halte euch nicht auf.«
Und so geht es weiter. Atemlos und immer unter Strom, mit viel Alkohol sowieso, die Figuren sind grell, verrückt, abgedreht, manisch, auf Drogen und Pillen. Zhadan ist mein erster ukrainischer Autor, und ich bin schwerstens beeindruckt. Schon von »Anarchy in the UKR« und »Depeche Mode«. Die Literatur der Beat-Generation hat in der literarischen Wüste Ukraine (ich kenne ja sonst nichts) plötzlich einen Keim getrieben, der auf eine eigene und völlig neue Weise das wilde Leben eines Neal Cassady fortführt, dem Herumtreiber, der immer on the road war und hinter irgendeinem Steuer saß, nur daß Zhadan im Unterschied zu Cassady alles aufschreibt. Aber das ist ja auch ein verdammtes Glück.

Serhij Zhadan, »Big Mac. Geschichten«, Suhrkamp