Jetzt komm doch mal zum Punkt

»Nadja« von André Breton in neuer Übersetzung ist durchaus ein Grund, mal wieder seine Nase in sein vielleicht bekanntestes Buch zu stecken. Schon früher hatte ich meine liebe Mühe mit Breton, aber die Sperrigkeit und Unverständlichkeit faszinierten mich auch wiederum, denn auf der anderen Seite waren seine radikal-fundamentalistische Haltung gegenüber der herkömmlichen Literatur und Kunst, die er in den Surrealistischen Manifesten beschrieben hatte, die vollkommen andere literarische Traditionslinie, die er mit Protagonisten wie den Comte de Lautréamont, mit Arthur Cravan, mit Jacques Vaché und anderen sich selber gezogen hatte, und letztlich auch seine politische Haltung, bzw. die Tatsache, daß er überhaupt eine hatte und nicht einen auf Schriftsteller oder Künstler machte, sehr eindeutige Indizien, daß man mit ihm auf jeden Fall nicht falsch lag. Aber warum schrieb er dann immer so verquast? Heute weiß ich es immer noch nicht, aber als ich »Nadja« nochmals las, dachte ich, daß ich heute Breton nach fünf, na gut, sagen wir um der alten Zeiten willen, zehn Minuten das Wort entziehen würde. Solche rhetorischen Floskeln wie »das scheint mir« oder »darauf beharre ich« sind so altbacken und professoral, daß sie dem Zauber, den Breton mit »Nadja« ja entfachen will, den Glanz nehmen. Und sonst weiß man auch nicht immer, worauf er eigentlich hinaus will:
»Immer schon habe mir inständig gewünscht, bei Nacht in einem Wald einer schönen, nackten Frau zu begegnen, oder vielmehr, da ein solcher Wunsch, einmal zum Ausdruck gebracht, nichts mehr bedeutet: Ich bedaure es zutiefst, ihr nicht begegnet zu sein. Eine Begegnung dieser Art ist so wahnwitzig nicht: sie ist möglich. Alles wäre wohl, scheint mir, glatt zum Stillstand gebracht worden, ah! ich wäre nicht dabei, zu schreiben, was ich schreibe.« Und so geht es immer weiter und ständig denkt man: Jetzt komm doch mal zum Punkt. Da hilft es auch nicht, wenn Karl Heinz Bohrer sagt, »Nadja« sei eine »Basisschrift der klassischen Moderne«. Tja, wird wohl so sein.

André Breton, »Nadja«, aus dem Französischen von Bernd Schwibs, Bibliothek Suhrkamp, Frankfurt 2002