Die Wahrheit über den 22. Spieltag

Was nur treibt einen Mann aus der Ü-50-Liga mit einer Nasennebenhöhlenverstopfung und einer damit einhergehenden partiellen Taubheit in eine durch exzessiven Nikotinausstoß vergilbte, ja verklebte, und düsenjägerlaute Kneipe, bloß um sich eine sichere Pleite seiner Mannschaft in Bremen anzusehen? Man weiß es nicht, man steckt nicht drin. Aber da es sich um mich handelt, sieht der Fall natürlich anders aus. Trotzdem weiß ich es nicht, und eigentlich will ich es auch gar nicht wissen. Vielleicht weil es dann doch einen Moment anders hätte kommen können, als nach einem zerfahrenen Beginn in der 18. Minute ausgerechnet der Ballverstolperer Valdez einen präzisen Paß durch die Bremer Abwehr auf Rukavina spielte, der flach in die Mitte auf Petric weiterleitete. Aber diesmal war kein Verlaß auf den Kroaten, obwohl er den Ball nicht einfach vermurkste, sondern genauso traf, wie er in treffen wollte, leider aber bewies der von rosa auf lila umgestiegene Tim Wiese, daß er Bälle nicht nur nicht nur spektakulär fallen lassen, sondern auch halten kann. Aus dem nichts war diese Großchance entstanden. In drei Zügen schachmatt. Aber es wäre unverdient gewesen, auch wenn sich die Bremer lange dem Dortmunder Niveau angepaßt hatten und man sich im Mittelfeld ausufernde Kopfballduelle lieferte. Aber als dann ein regulärer Treffer vom wie immer überall präsenten Dortmunder Mittelfeldmotor Tinga aberkannt wurde, während den Bremern ein Abseitstor zugesprochen wurde, da wußte man, diese Partie wurde nicht von den Spielern, sondern von Markus Merk entschieden, der den Dortmundern sowieso nicht grün ist und der auch nicht durch ein betont lockeres Zwinkern in die Kamera zu Beginn der Partie nicht davon ablenken kann, daß er die aus seinem bürgerlichen Beruf als Zahnarzt herrührende sadistische Ader auch auf dem Spielfeld auslebt. Jedenfalls hätte Dortmund nach 45 Minuten 2:0 führen müssen, aber nach 90 Minuten stand es 2:0 für Bremen, und wie immer war im Dortmunder Spiel nichts zu erkennen, was nach einem Plan aussah, nach einer Handschrift des Trainers, aber dazu laufen auch einfach zuviel Luschen im schwarzgelben Trikot herum. Das einzige, was seit Doll beim BVB eine Konstante ist, ist die Mittelmäßigkeit. Wenigstens hat die Niederlage Dortmunds ein Gutes: Bremen bleibt den Bayern auf den Fersen und hält den Meisterschaftskampf offen, denn sonst hätten die Münchner durch ihren Sieg auf Schalke ihren Vorsprung auf 7 Punkte ausgebaut. »Heute auch Bayern-Fan?«, fragte, nein, befahl die furchterregende Herta hinterm Tresen. Ich traute mich nicht zu widersprechen, aber ich hätte den Schalkern diesen kleinen Triumph aus guten Gründen gegönnt. Aber wer weiß, vielleicht hat die 3. Niederlage der Schalker in Folge ja auch was Gutes, denn die von Präsident Schnusenberg angeleierte Trainerfrage könnte Slomka den Kopf kosten, was nicht schlecht wäre, denn Slomka ist ein Trainer, der von seinem Metier Ahnung hat, und somit das beste, was sich über Schalke sagen läßt.