Die Wahrheit über den 23. Spieltag

Als ich mich Freitag abend durch das Gewühl in der Milchbar quetschte, um mir einen der letzten Barhocker zu ergattern, kreuzte ich die Wege von Sascha, dessen Anwesenheit sich in der Regel an seinen lauten Schreien der Empörung über meist sehr zahlreiche Stümpereien der Schwarzgelben dokumentierte. »Oh nein, ach du Scheiße, das darf ja wohl nicht wahr sein«, und ähnliche präzise die Situation treffende und angemessene Reaktionen auf Düsenlautstärke. Als wir die deprimierende Situation des BVB bekakelten, sagte Sascha, er hätte diese Saison bereits abgehakt, ja er hätte sich in die Milchbar quälen müssen, weil er nichts mehr von dieser Mannschaft erwarte. Unteres Mittelfeld eben. Und entsprechend auffällig still und geradezu introvertiert verhielt sich der Mann, dessen Stimme sonst einen Raum leerfegen konnte. Fatalistisch ließ er den grausamen Kick gegen Hertha BSE, der irgendwie sogar völlig gerecht in einem 1:1 versandete, an sich vorüberziehen, einem Spiel, in dem der Schiedsrichter für das Highlight sorgte, weil er aufgrund eines Mißverständnisses Pantelic vom Platz stellen wollte, die rote Karte dann aber lieber dem Trainer gab. Schade eigentlich, aber immerhin sorgte das mal für Aufregung. Spielerisch herrschte Meister Zufall, und sensationell in diesen eineinhalb Stunden war höchstens die Fehlpaßquote. Aber dem Fan ist das Wurst. In den Fan-Foren wird jetzt bereits das Fell des Bären verteilt, der noch gar nicht erlegt worden ist, weil man wie selbstverständlich davon ausgeht, daß man nächstes Jahr über den Pokal im internationalen Geschäft mitmischt. Aber Jena ist noch lange nicht besiegt und der BVB ist mit der zweitschlechtesten Abwehr alles andere als unschlagbar, und wer weiß, wen die Qualifikation für die Gruppenphase des Uefa-Cups bringt. Sascha fehlt dieser Optimismus, denn er ist aus der guten alten Schule des Schwarzsehers. Und auch sonst ist der Liga nicht gerade Spaß und Spannung abzugewinnen. Die Bayern bauten dank Ribery durch einen Pflichtsieg über den KSC ihren Vorsprung auf sieben Punkte aus, weil Bremen in Stuttgart 6:3 verlor. Das ist deshalb deprimierend, weil Bremen attraktiven Angriffsfußball bot, und zudem völlig überlegen war, jedoch einige Mal zu oft ausgekontert wurde, dabei hatte Stuttgart dem Sturmlauf der Bremer kaum etwas entgegenzusetzen. Bremen ist die einzige Mannschaft in der Liga, die wirklich mal was riskiert und spektakulär spielt, also Spiele zeigt, die man so schnell nicht vergißt. Umso bitterer ist es natürlich, daß solche Runden verloren gehen gegen Mannschaften, deren Trainer solche Sätze sagen wie: »Ein Spiel wie heute muß man eben auch ab und zu mit einem 1:0 über die Runden bringen.« (Doll) Aber solche Spiele will man nun mal nicht sehen. Lieber grandios gespielt und heroisch gescheitert als trotz Hängen und Würgens nicht mal in der Lage zu sein, ein 1:0 zu halten. Und deshalb geht es in der Liga gerade nicht sehr gerecht zu, was nicht immer schlimm ist, wenn es wenigstens die richtigen treffen würden, aber mit Werder trifft es leider die falschen.