Im Taumel der Lust. Art Spiegelman entdeckt die wilde Party

Eigentlich ist es ein Skandal, denn der Name des Autors steht nicht vorne auf dem Titel. Nur »Die wilde Party« und »Art Spiegelman«, der das Buch illustriert hat. In der Erstauflage, die 1995 bei Rowohlt erschien, stand der Autor noch vorne drauf, der Fischer-Verlag hingegen, wo die aktuelle TB-Ausgabe herausgekommen ist, fand die Erwähnung des Autorennamens offensichtlich für den Verkauf abträglich. Die Tatsache, daß der Autor Joseph Moncure March heute niemandem mehr etwas sagen würde, ist jedoch noch lange kein Grund, ihn nicht zu nennen, auch nicht, daß er schon seit 1977 verstorben ist. Immerhin war er in den zwanziger Jahren mal stellvertretender Chefredakteur des »New Yorker«, aber dann schmiß er mit 26 seinen Job hin, um Dichter zu werden. »Die große Party« war sein erstes großes Gedicht, und wie Art Spiegelman im Vorwort schreibt, galten seine Reime als »gewagt und damit unpublizierbar«. Dennoch erschien das Buch 1928, wenn auch nur in einer limitierten Auflage von 750 Exemplaren. Das Buch landete in Boston auf dem Index und erregte landesweit die prüden Gemüter, denn in der »Wilden Party« ging es nicht ganz jugendfrei zu. March nutzte die Gelegenheit für ein weiteres Buch über einen »abgehalfterten schwarzen Boxer«, mit dem er es auf die Bestsellerliste der »New York Times« schaffte. Von da aus führte die Reise nach Hollywood, wo March als Drehbuchschreiber arbeitete.
Art Spiegelman entdeckte das Buch »Die wilde Party« in einem Antiquariat, wo er von der Zwanziger-Jahre-Typographie und von einem »hingepfuschten Frontispiz von Reginald Marsh« so angetan war, daß er wie ein »Trinker, der sich zu Flaschen und ihren Etiketten ebenso hingezogen fühlt wie zum hochprozentigen Inhalt« auch zu lesen anfing. Und der Inhalt war tatsächlich hochprozentig, ein grandioses Langstreckengedicht aus der Halbwelt kleiner Krimineller und Lebedamen.
Als »perfektes Gegenstück zum ›Großen Gatsby‹« wird »Die wilde Party« in der Verlagsankündigung angepriesen, aber während »Der große Gatsby« zum großen Kulturerbe Amerikas gehört (von dem in der letzten Zeit gleich drei Neuübersetzungen erschienen sind), geriet »Die wilde Party« schlicht in Vergessenheit, dabei hat March mehr Witz und erzählerische Verve, er schreibt lebhafter und lustiger als F. Scott Fitzgerald, aber in der damals vorherrschenden Unterscheidung zwischen U- und E-Literatur gehörte das Buch zur schlecht beleumundeten Sparte. Nur Außenseiter der Literatur wie William Burroughs merkten, dass sie da ein Kleinod in den Händen hielten. Es verleitete den Beat-Literaten sogar dazu, sich selber als Dichter zu versuchen.
Marchs Buch spielt im gleichen anrüchigen Milieu wie Walter Serners »Die Tigerin«, und hätten Robert Gernhardt oder Kurt Tucholsky »Die Tigerin« in Gedichtform gebracht, dann wäre »Die wilde Party« herausgekommen. Eine einfache, kleine Geschichte: »Queenie war blond, ohne Alter so eine: Schmiß zweimal pro Tag beim Vaudeville die Beine.« Sie ist selbstbewußt und weiß genau um ihre Wirkung auf Männer. Queenie lebt mit Burrs zusammen, der als Clown im gleichen Laden wie sie arbeitet: »Seine Komik hatte höllisch Stil, Er brauchte nicht zu hampeln – Genügte schon sein Mienenspiel, Und alles war am Trampeln.«
Die beiden schmeißen eine Party, aber die gerät außer Kontrolle, sowohl in alkoholischer Hinsicht als auch in sexueller. Queenie lernt einen neuen Mann kennen. Es funkt und ratzfatz landen die beiden im Bett. »Nicht viel, und sie hätten im Taumel der Lust Einander gefressen und von nichts was gewußt.« Die Sache eskaliert, und was passiert? Und auch noch im ungünstigsten Moment? »Er stöhnte; er gähnte – Da trat wer die Tür auf: Es war die Polente.«
Mit seinen unverwechselbaren holzschnittartigen Illustrationen, die Art Spiegelman seit »Maus«, der KZ-Geschichte seines Vaters, weltberühmt gemacht haben, verschafft er dem Buch vielleicht die Aufmerksamkeit, die es verdient hat.
Die Geschichte hat Uli Becker ins Deutsche übertragen, und es ist ein weiterer Skandal, daß auch Uli Becker nicht auf dem Titel genannt wird, denn schließlich hat er mit seiner Nachdichtung ein neues Werk erschaffen, ohne sich dabei zu weit vom Original zu entfernen, eine Aufgabe, die ihm auf exzellente Weise gelungen ist.

Joseph Moncure March, »Die wilde Party«, illustriert von Art Spiegelman, aus dem Englischen übersetzt von Uli Becker, Fischer, Frankfurt 2011, 12,99 Euro