Ein kleiner Abgesang auf den Rezensenten

Mitte Dezember 1986 verkündete HM Enzensberger in der Neuen Züricher Zeitung das Ende des Literaturkritikers und des Rezensenten. »Ihr historisches Verschwinden läßt sich einfach nicht mehr länger verheimlichen«, schrieb er. Was er nicht voraussah, ist die Zähigkeit, mit der sich dieser Berufsstand an seine Existenz klammert, ein Beruf, der an Bedeutung immer mehr abnimmt, während die Zahl derjenigen, die Buchbesprechungen verfassen, absurderweise proportional zunimmt. Die Rezension, früher unabhängige Kritik, wird ersetzt durch »Service«, indem man die Klappentexte der Bücher ins geduldige Netz stellt und als redaktionelle Beiträge ausgibt. Der Literaturstreit, mit dem man sich in den großen Feuilletons der eigenen Wichtigkeit versichert, ähnelt immer mehr einer angestrengten Show, in der der Kritiker im Mittelpunkt steht, weil der sich meistens sowieso viel besser wähnt als der Buchautor, was manchmal sogar auch zutrifft. Das konnte man in der von einem Spiegel-Redakteur angestoßenen künstlichen Debatte um das neue Buch »Imperium« von Christian Kracht beobachten. Weil dem allenfalls mittelmäßigen Buch nur schwer irgendein Funke zu entlocken gewesen wäre, mantelt sich der Spiegel-Redakteur als Warner vor dem rechten Gedankengut des Autors auf, um später, nachdem alle möglichen Unterschriftsteller ihrem Kollegen zur Seite gesprungen waren, zu schreiben, daß seine Kritik keinesfalls als Kritik mißverstanden werden dürfe. Der Spiegel stellte dem Kiwi-Verleger ein paar Seiten zur Verfügung, damit der schreiben konnte, wie er das Buch fand, das er veröffentlicht hat, nämlich – Überraschung – toll. Nur mit dieser Methode der künstlichen Empörung schafft man noch eine in der Regel sehr kurzlebige Nachfrage für Bücher, für die das Feuilleton gerade steht, denn nennenswerte Verkaufszahlen schreiben Fantasy- und Vampir-Bücher oder Titel, die die Qualität von Holt-mich-hier-raus-TV-Shows haben, Bücher also, die auf die Kulturseiten der Zeitungen nicht angewiesen sind. Die Auflagen sinken, aber die Zahl der erscheinenden Titel steigt. Diesem Trend tragen auch die Buchauslieferungen Rechnung, die ihr Lagersystem vom Palettenlager auf Handlager für kleine Auflagen umstellen. Daß sich die von bürgerlichen Vorstellungen geprägte »Kultur« selber abschafft, ist nicht schade, daß sie durch die von der Piratenpartei sich Ausdruck verschaffenden »Geiz-ist-geil«- und »Gratis«-Mentalität ersetzt wird, ist jedoch kein Fortschritt, den man begrüßen kann, denn aus dem Wertverfall der Buchbranche folgert eins nicht, nämlich daß die Leute klug, schön und radikal werden.