Ein Buch wie eine Wasserleiche

Ich bin ein spätes Opfer einer sogenannten Literaturdebatte. Mürbe gemacht durch einen Verriß im Spiegel und dem darauf folgendem Aufschrei der Empörung, hatte ich tatsächlich die Schnapsidee, mich aus erster Hand informieren zu wollen, was es mit dem »Imperium« von Christian Kracht auf sich hat. Ich muß zugeben, ich hatte mir von einem derart heiß diskutierten Buch ein bißchen mehr versprochen. Irgendwas Skandalöses, Walserhaftes oder Grassiges. Aber nichts. Nur ein bißchen langweilig, ein bißchen bräsig, ein bißchen aufgedunsen. »So ist dies durchaus beabsichtigt und sinnigerweise, Verzeihung, in nuce auch kohärent.« Das hört sich sehr nach spitzen Fingern und Bügelfalte an, auch daß ihm irgendwas »dumm und grausam dünkte«. Oder daß sich der Autor eines »notabene« befleißigt, weil ihm »übrigens« oder ein »wohlgemerkt« zu banal klingt, bzw. nicht genug nach Wasserleiche. Da dämmerte mir dann doch, daß ich auf dem falschen Dampfer war. Wäre ich eine Figur von Kracht, hätte ich spätestens in diesem Moment »entkräftet das Buch sinken lassen«.
Der Kiwi-Verleger Helge Malchow, der das Buch publiziert hat, schrieb im Spiegel, daß er das Buch großartig gefunden hätte. Ich will mich ja hier nicht aufmanteln, denn ich weiß aus leidvoller Erfahrung, daß einem als Verleger auch manchmal Bücher durchrutschten, die man am liebsten schnell vergessen würde, und ich weiß auch, daß der pekuniäre Erfolg (um mal ein bißchen auf Kracht zu machen) ein gewisses Trostpflaster sein kann, daß einem über einiges hinweghilft, aber das hätte ich nicht über mich gebracht, mir zwei Seiten im Spiegel abzuringen, um einem mittelmäßigen Buch höchste literarische Weihen angedeihen zu lassen. Da steckt man doch das Geld ein und schweigt vornehm.