Deutsche Bewährungshelfer

Marion Gräfin Dönhoff, die für das bessere, für »das andere Deutschland« stand, hielt von Goldhagens Buch über den Vernichtungsantisemitismus der Deutschen deshalb nicht viel, weil sie befürchtete, es könne »den mehr oder weniger verstummten Antisemitismus wieder neu beleben«. Während also Frau Dönhoff hoffte, man könne den Antisemitismus wegschweigen, macht sich Henryk M. Broder schon seit den Siebzigern im Sinne Dönhoffs immer wieder der Entfachung dieses Antisemitismus‘ schuldig, indem er die Antisemiten mit Absicht ärgert. Dönhoff gilt als große Demokratin, Broder nicht. Er ruft Empörung hervor und wird gehaßt.
In seinem neuen Buch »Vergesst Auschwitz« schreibt Broder die unendliche und innige Geschichte des deutschen Antisemitismus fort, die er mit »Der ewige Antisemit« schon 1986 gründlich recherchiert und analysiert hat. Neue Erkenntnisse sind seit seinem damaligen Befund nicht hinzugekommen, immer noch führen sich viele Deutschen wie »Bewährungshelfer« auf, die vor allem darauf achten, dass »ihre Opfer nicht rückfällig werden«. Broder zitiert hier Wolfgang Pohrt, und niemandem ist bislang, so Broder, eine »bessere, genauere und trostlosere Beschreibung der deutschen Krankheit« gelungen. Die Deutschen haben so gründlich aus ihrer Geschichte gelernt, dass sie vor allem die ehemaligen Opfer vor der Verwirklichung ihrer eigenen geheimen Wünsche schützen wollen. Kein Land steht unter so genauer Beobachtung der Deutschen wie Israel, dem vorgeworfen wird, es würde den Palästinensern antun, was die Deutschen den Juden angetan haben.
Nun könnte man einwenden, dass es dieses Argument zwar gibt, aber nur noch von unverbesserlichen Antiimperialisten und Hamas-Anhängern benutzt wird. Als aufmerksamer Beobachter der politischen Debatten und des Nachrichtenwesens spürt Broder jedoch immer wieder die geheimen Implikationen auf, die sich in Politikerreden eingenistet haben, wenn Hinterbänkler von der Linkspartei bis zur CDU die israelische Regierung darüber belehren, dass »eine dauerhafte Friedenslösung auch im Interesse Israels liegt« und »dass durch die Abriegelung des Gaza-Streifens genau das Gegenteil von dem erreicht wird, was Israel eigentlich erreichen will.« Broder kritisiert diese aufgeblasenen Kommentare nicht, weil jede Kritik an dieser Hybris scheitert, er macht sich einfach nur über die Fürsorge der »Bewährungshelfer« lustig, indem er sie bis zur Schmerzgrenze zitiert. Broder sieht hier ein »überparteiliches Band, das die Deutschen zusammenhält«. War das früher die »Judenfrage«, so ist es inzwischen die »Palästina-Frage, die heute ein Gefühl der nationalen Einheit erzeugt«.
Broder dokumentiert noch einmal den Fall des Rundfunkmoderators Ken Jebsen. Er läßt ihn ausführlich zu Wort kommen und sich um Kopf und Kragen reden, u.a. mit einer Mail an einen Hörer, der sich über seine antiamerikanischen Ausfälle beschwert hatte: »ich weis exact wovon ich rede denn ich habe jede menge länder in den demokratisiert bin bereist. ich war in israel und habe mit holocaust opfern gesprochen. sie selber finden es widerwärtig was in ihrem namen passiert«. Ganz abgesehen davon, dass man sich natürlich fragt, worin die berufliche Qualifikation von Leuten eigentlich besteht, die derart wüstes politisches wie grammatikalisches Zeug schreiben, hat Broder nicht darauf insistiert, dass Jebsen gefeuert wird, aber er hat es sich nicht nehmen lassen, öffentlich zu machen, was aus Jebsen wie eine Logorrhö herausquoll. Die Reaktionen sind erschütternd und wurden von Broder in einem gesonderten Kapitel dokumentiert. Broder wird da u.a. als Rufmörder beschimpft, der »einem von hinten das Messer in den Rücken sticht«, und auch der Geist von Marion Gräfin Dönhoff kam nieder mit dem Kommentar: »Leute wie Broder sind der Grund dafür, dass es Antisemitismus in Deutschland überhaupt noch gibt.«
Das sind aber nicht nur Leute, die mit dumpfen Ressentiments jederzeit Gewehr bei Fuß stehen, um bei solchen Gelegenheiten tief ins Arsenal der Beleidigung und Beschimpfung zu greifen, sondern auch Leute, bei denen man dachte, sie könnten sich differenzierter ausdrücken, wie z.B. Mathias Bröckers, der seiner Aversion mal so richtig freien Lauf läßt: »Reicht es nicht, dass diese rassistischen Wirrköpfe und Ideologen die Stichworte für Massenmörder wie Breivik liefern? – oder stehen jetzt hier schon gebührenbezahlte Radiobeamte stramm, nur weil kleines dickes Broder mal wieder ›Antisemitismus‹ ins Phone furzt?« Und das ist schließlich fast so intelligent wie der Kommentar eines Jebsen-Hörers und Fans: »Fette Judenfotze. Nachdem ich deinen Rotz gelesen habe, weiß ich jetzt, woher der Antisemitismus in Deutschland herkommt.«
Wenn von »historischer Verantwortung« die Rede ist, und sie fehlt schließlich in keiner Sonntagsrede, dann fühlt sich Günter Grass und mit ihm, wenn man Umfragen glauben darf, 50 % der Deutschen durch sie legitimiert, die Juden auf den rechten Weg zu bringen und ihnen ins Gewissen zu reden. Das ist schon sehr lustig. Auf der anderen Seite erschöpft sich die »historische Verantwortung« bei den Deutschen darin, »die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten«, und »nicht etwa die kommende Endlösung der Nahostfrage zu verhindern«, wie Broder mit Furor schreibt. Das ist zwar auch nicht unbedingt die Aufgabe der Deutschen, aber dass 200 deutsche Firmen, wie eine Broschüre der Deutsch-Iranischen Handelskammer verzeichnet, mit Teheran Geschäfte machen, von denen einige geeignet sind, diese »Endlösung« ins Werk zu setzen, das macht immerhin deutlich, dass die »historische Verantwortung« moralisch ganz prima und vielseitig einsetzbar ist.
Broder schreibt nicht ausgewogen und wohl gesetzt. Er ist polemisch und zuweilen vielleicht auch ungerecht, aber es stört ihn die Fürsorglichkeit, die die Deutschen für Israel aufbringen, es stört ihn die Vehemenz, mit der man sich in Deutschland darüber streitet, ob der Holocaustleugner Ahmadineschad gesagt hat, Israel müsse »ausgelöscht« werden oder nur »von den Seiten der Geschichte verschwinden«, es stört ihn Dummheit, politische Bräsigkeit und die Ritualisierung der Erinnerung, weil sie eine »Übung in Heuchelei, Verlogenheit, Scheinheiligkeit und Opportunismus« ist. Er schreibt dagegen an, weil er es nicht lassen kann, die Deutschen aufklären zu wollen und ihnen ihr kleines Geheimnis zu verraten. Viele andere würden das mit großem Brimborium tun, Broder aber übt sich in Understatement: »Und falls jemand wissen möchte, was ich mit diesem Buch bewirken will: Eigentlich gar nichts.« Und das macht die Lektüre ja auch so angenehm, weil Broder niemals verbissen wirkt, sondern immer schön entspannt und mit Ironie und Sarkasmus den Deutschen erklärt, was an Ihnen komisch ist, wenn sie sich immerzu so große Sorgen um Israel machen.

Henryk M. Broder »Vergesst Auschwitz. Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israel-Frage«, Knaus, München 2012-04-02