Die Wahrheit über das Pokalfinale

Als am Vorabend des Finales im Rahmen einer Vorfeier vor der Respectbar, dem neuen Geheimtip Berliner Dortmund-Fans, einem Großraumtaxi sechs mit BVB-Schals und anderen Utensilien aufgebrezelte und bereits gut betankte BVB-Fans aus Edinburgh entstiegen, da hätte man es sich eigentlich schon denken können, daß nichts mehr schief gehen kann. Und als dann sogar noch Emma auftauchte, das Maskottchen des BVB, eine 2 m 25 große Biene Maja mit Schuhgröße 66, war auch das im nachhinein als Zeichen zu deuten, daß alles gut werden würde. Alle Experten hatten mit einem knappen Ergebnis gerechnet, wahrscheinlich sogar mit Verlängerung und Elfmeterschießen, nur der vom Fußball wenig infizierte Kreuzberger Schriftsteller Robert Seethaler war sich sicher, daß die Partie mit einem 4:2-Sieg der Dortmunder enden würde. Und da war er sogar um ein Tor für die Dortmunder zu pessimistisch. Das war deutlich. »Warum gewinnen, wenn man den Gegner auch demütigen kann«, hatte jemand auf seinem T-Shirt stehen, der die Zeichen offenbar aus einem gewissen Zwangsoptimismus heraus richtig gelesen hatte. Zwar haben die Dortmunder in diesem einen Spiel gemacht, was sie sonst nie tun, nämlich ihre Chancen optimal zu nutzen, aber es war nicht so, wie Heyckes später behauptete, daß die Dortmunder in der ersten Halbzeit eine Chance gehabt, aber drei Tore erzielt hätten. Dieser Interpretation war eine gewisse Verbitterung zu entnehmen, denn mit dem Geschehen auf dem Rasen hatte sie wenig zu tun. In der ersten Halbzeit war die Partie noch ausgeglichen, und einem frühen schön herauskombinierten Treffer von Kagawa stand ein verwandelter Elfer von Robben gegenüber, nachdem Weidenfeller zu spät kam und Gomez einen Tick schneller den Ball berührte, der dann sowieso ins Aus gegangen wäre. Vorher bereits hatte Gomez seine Knie nur wenig rücksichtsvoll in die Brust von Weidenfeller gebohrt, der schließlich durch Dortmunds Känguruh Langerak ersetzt werden mußte. Noch eindeutiger war es dann, als Boateng im Strafraum Kuba von den Beinen holte. Hummels, der Mann mit den »schönen Augen«, verwandelte, und manche sagten danach, »den kann man auch mal halten«. Aber der wirklich dicke Patzer von Neuer kam noch, als er einen sicheren Ball wieder losließ, den Kuba dann in blindem Vertrauen in die Mitte flankte, wo wer sonst natürlich als Lewandowski stand und zum 5:2 einköpfte. Aber da war der Abend für die Bayern schon lange gelaufen. In der 2. Halbzeit jedenfalls trafen die Bayern mit Ribery zwar einmal das Tor und mit Gomez einmal die Latte, aber in manchen Situationen spielten die Dortmunder mit der Bayern sogar Katz und Maus. So schnell flipperte die Kugel hin und her, daß der Gegner nur hinterhergucken konnte. Das war beeindruckend. Und für die Bayern so enervierend, daß sich Gomez, Schweinsteiger und Badstuber mit einigen fiesen Fouls auch noch als schlechte Verlierer erwiesen. Man kann an diesem magischen Abend eigentlich niemanden besonders loben, denn alle Dortmunder waren großartig. Lahm meinte, daß Bayern über 90 Minuten die bessere Mannschaft gewesen sei, und auch Heynckes interpretierte das Ergebnis lediglich als Folge eines »katastrophalen Defensiverhaltens«. Aber auch wenn Bayern mehr Ballbesitz hatte, sagt das noch nichts über ein Spiel aus. Ballbesitz bedeutet nicht zwangsläufig fußballerische Überlegenheit. An diesem Abend hatte Dortmund zwar zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte das Double geholt und sich als neue Fußballmacht etabliert, aber im ZDF war anschließend durch das Duo des Schreckens Kahn-Hohenstein nur von den Bayern die Rede. Da hieß es schnell in die Respectbar flüchten, um die Glücklichen zu empfangen, die ein Stadionticket hatten und nun langsam eintrudelten. Dort konnte man sich noch einmal in aller Ruhe das Spiel zum 2. Mal angucken, und nach dem 4:2-Anschlußtreffer der Bayern kommentieren, daß es jetzt ja wohl noch einmal eng werden würde. Und nach dem 5:2 hörte man die Stadiongesänge der Dortmunder Zuschauer: »Einer, einer, einer geht noch rein«, was ja auch passiert wäre, wenn der Schiedsrichter nicht so pünktlich abgepfiffen hätte. Die Siegerehrung verlief dann im Berliner Prollschick. Man hatte ein paar mit goldenem Düll bekleidete Damen wie Schachfiguren aufgestellt, und niemand wußte, was die da zu suchen hatten. Aber das wußte man von Joachim Gauck auch nicht, von dem ich schon fürchtete, er würde eine Ansprache über »Freiheit im Fußball« halten. Aber sonst war alles prima und ganz und gar hinreißend und bezaubern. Ein perfekter Abend, eine perfekte Saison. Und es wird noch besser.