Grass, Günter

Was? Schon wieder Günter Grass? Hat der ne Meise? Diese drei Fragen werden Sie sich vermutlich stellen, und zwar in dieser Reihenfolge und völlig zu Recht. ABER: Bedenken Sie: Günter Grass ist das andere, das bessere Deutschland, der Botschafter des Friedens im Ausland, ein literarischer Exportschlager von einiger Bedeutung, er ist DER deutsche Schriftsteller, gepudert und gesalbt mit dem Literaturnobelpreis. Und dieser Mann wird am 16. Oktober achtzig. Und deshalb will ich ihm ein kleines Ständchen bringen. Das ist man Deutschland schließlich schuldig. Vor allem soll noch einmal an seine Rolle erinnert werden, die er im Karikaturenstreit gespielt hat, weil die bislang viel zu wenig gewürdigt wurde.Nachdem die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten erschienen und in der muslimischen Welt heftige Reaktionen hervorriefen, war dies ein Fall für Günter Grass, der wie immer bestens informiert die westliche Welt darüber aufklärte, wie sich die Sache verhielt. »Es war eine bewußte und geplante Provokation eines rechten dänischen Blattes«, sagte Grass kürzlich in einem Interview in der El Pais. Den Blattmachern von Jyllands-Posten sei bekannt gewesen, daß die Darstellung Allahs oder Mohammeds in der islamischen Welt verboten sei. »Sie haben aber weitergemacht, weil sie rechtsradikal und fremdenfeindlich sind.«Vor der Grass‘schen Enthüllung hat niemand gewußt, daß die Jyllands-Posten ein rechtes Blatt ist. Woher Grass seine Information bezogen hat, weiß ich nicht, aber vielleicht hat er sie ja von einer der infamen Karikaturen selbst, die einen kleinen Jungen namens Mohammed zeigt, der auf eine Tafel schreibt: »Die leitenden Redakteure von ›Jyllands-Posten‹ sind ein Haufen reaktionärer Provokateure.« Also, wenn die das schon selber veröffentlichen, dann wird’s ja wohl stimmen.Der Kulturchef von Jyllands-Posten jedenfalls kommentierte den Abdruck der zwölf Karikaturen, die sich vor allem durch ihre Harmlosigkeit auszeichneten: »Einige Muslime lehnen die moderne, säkularisierte Gesellschaft ab. Sie beanspruchen eine Sonderbehandlung, wenn sie auf eine spezielle Rücksichtnahme auf eigene religiöse Gefühle bestehen. Das ist unvereinbar mit einer westlichen Demokratie und Meinungsfreiheit, angesichts derer man sich damit abfinden muß, zur Zielscheibe von Hohn und Spott zu werden oder sich lächerlich machen zu lassen.« Nicht mit Grass, denn weder Mohammed noch Gott noch Grass dürfen verspottet werden. Meinungsfreiheit schön und gut, aber nicht bei religiösen Gefühlen oder Günter Grass.Der Abdruck der Karikaturen lockt zunächst keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Nur einen fundamentalistischen Imam, der schon mit der Feststellung aufgefallen ist, Frauen seien »ein Instrument des Satans gegen Männer«. Der macht unter seinen Glaubensgenossen mobil und verlangt, daß »notwendige Schritte« unternommen werden müssen, um die Schmähung des Islam zu verhindern. Der Imam ist erstaunlich erfolgreich, wie Henryk M. Broder in seinem Buch »Hurra, wir kapitulieren« beschreibt:»Im Herbst 2005 reist eine Delegation dänischer Muslime in die moslemische Welt, die Rundreise wird von der ägyptischen Regierung gesponsert. Im Gepäck der Imame befinden sich eine Dokumentation, die zwölf Karikaturen aus Jyllands-Posten enthält, dazu drei weitere Zeichnungen, die ein paar Zacken schärfer sind: der Prophet als pädophiler Teufel, mit Schweineohren und beim Sex mit einem Hund. Woher die drei Zugaben stammen, wer sie gemacht beziehungsweise gefunden hat und wie sie in die Dokumentation geraten sind, ist bis heute ungeklärt. Irgendjemand muß ein wenig nachgeholfen haben, um die Reaktionen zu optimieren.«Und das gelingt auch. Im Januar 2006 werden über 100 Millionen Moslems zum Abschluß der Pilgerfahrt nach Mekka per Satellit dazu aufgerufen, sich der »Kampagne gegen den Propheten Mohammed zu widersetzen«. Die Meinungskampagne ist so überwältigend, daß Dänemark international immer mehr unter Druck gerät und fast alle westlichen Länder auf Distanz gehen. Dabei hat die dänische Regierung lediglich zu Protokoll gegeben, daß sie die Karikaturen nicht als strafwürdiges Vergehen ansieht und deren Veröffentlichung durch die Meinungsfreiheit gedeckt ist, in die sich ein Staat gefälligst nicht einmischen sollte. Die Sache geht soweit, daß in Damaskus, Beirut und Teheran die Botschaften Dänemarks angezündet und mit Brandbomben beworfen werden. Von diesen gewalttätigen Reaktionen zeigt sich Grass jedoch wenig überrascht. Es sei nur »die fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Aktion«. »Arrogant und selbstgefällig« sei es doch, sich wie die Redakteure der Jyllands-Posten auf die Presse- und Meinungsfreiheit zu berufen. »Wir haben das Recht verloren, unter dem Recht auf freie Meinungsäußerung Schutz zu suchen.«Interessant. Wenn hier jedoch einer die Meinungsfreiheit etwas zu sehr strapaziert hat, dann Grass. Er jedenfalls benötigt bei diesem Gekäse, das er in diesem Fall von sich gab, die Meinungsfreiheit dringender als alle anderen, denn das Abfackeln einer Botschaft dadurch zu rechtfertigen, daß in einem nicht gerade bedeutenden Blatt in einem nicht gerade bedeutenden Land ein paar nicht gerade bedeutende Karikaturen erschienen sind, dazu braucht es allerdings eine große Por­tion Meinungsfreiheit, die selbst die Legitimation offenkundig terroristischer Handlungen in Kauf nimmt. Um seinen absurden Äußerungen etwas mehr Plausibilität zu verleihen, empfiehlt Grass, »sich die Karikaturen einmal näher anzuschauen: Sie erinnern einen an die berühmte Zeitung der Nazi-Zeit, den Stürmer. Dort wurden antisemitische Karikaturen desselben Stils veröffentlicht.« Gerade Grass als ehemaliges SS-Mitglied müßte das eigentlich besser wissen. Julius Streicher je­denfalls wäre über diesen Vergleich schwer beleidigt gewesen. Und das zu Recht.Was aber wird bleiben von Günter Grass? Vermutlich seine die Antiquariate über die nächsten Jahrzehnte hinaus verstopfenden Bücher und die »Fragilaria guenter-grassii«. Das ist eine 1992 in der Danziger Bucht entdeckte und bis dahin unbekannte Algenart, die nach ihm benannt wurde. Und wenn jemand nicht so genau wissen sollte, was eine Alge ist: Es ist eine primitive Lebensform. »Einzeller eben«, wie mir mein Neffe, ein Naturwissenschaftler, abschätzig mitteilte. Und das paßt ja dann irgendwie auch.