Judith Butler ist für Antirassismus

Viele Leute waren es nicht, die fanden, Judith Butler sollte den Adorno-Preis nicht kriegen. Eigentlich nur der Zentralrat der Juden. Der ist aber schließlich genau dafür da. Keine Regierung würde es toll finden, wenn jemand geehrt wird, von dem alle Welt weiß, daß die Person gegen diese Regierung ist und zum Boykott aufruft. Das ist also business as usual und passiert ständig, und wenn irgendwo ein Regimekritiker hofiert wird, wie der Chinese mit dem lustigen Pandabärnamen, dann wäre es höchstens überraschend, wenn ihm die chinesische Regierung auch noch einen Staatspreis verliehe. So vorhersehbar also die Reaktion des jüdischen Zentralrats ist, so vorhersehbar ist das moralische Empörungskartell, das sich mit Stefan Reinicke in der taz erhebt und das dann die Gelegenheit ergreift, wieder mal mit der Besatzungspolitik ins Gericht zu gehen, die bekanntlich das schlimmste Verbrechen dieses und des letzten Jahrhunderts ist. Wenn schon Antiimperialismus, dann muss der auf jeden Fall bei Israel zur Geltung kommen, und deshalb hat Judith Butler auch viele Verehrer.
Sie hat gesagt, daß die Hamas zur globalen Linken gehört. Ich frage mich, was daran falsch sein soll. Das ist ja kein Bekenntnis und diese banale Aussage ist höchstens für die problematisch, für die die globale Linke immer auf der richtigen Seite steht, es ist ein identitäres Problem, ein Problem der Definitionshoheit, was links ist und was nicht. Jeder, der sein Weltbild als links definiert, neigt dazu, anderen, die von diesem Weltbild abweichen, abzusprechen, links zu sein. Inzwischen bedauert Butler es, die Hamas zur globalen Linken gerechnet zu haben, und meint, sie hätte sagen sollen, es gibt gar keine globale Linke. Das kann man natürlich auch machen. Aber es sieht für einen Theorieproduzenten nicht besonders gut aus, wenn man diese Frage mal so und mal so beantwortet, je nachdem, wie es einem gerade in den Kram passt. Man gerät dadurch möglicherweise in den Verdacht, daß man sein Fähnchen ein bisschen in den Wind hängt.
Selbstverständlich ist sie eine würdige Adorno-Preisträgerin. Schließlich gibt es die Regel, daß der am preiswürdigsten ist, der schon möglichst viele andere Preise bekommen hat (das Gesetz der Preisakkumulation, da ist man als Jury-Mitglied immer auf der sicheren Seite), und der am mainstreamingsten ist, d.h. der Erfolg wird belohnt, nicht irgendwelche Verdienste um den Namensgeber des Preises (sonst hätte man den Preis posthum Alfred Schmidt geben müssen). Niemand jedenfalls weiß, was Judith Butler eigentlich mit Adorno zu tun hat, außer daß sie auch Bücher geschrieben hat.
Ihre nachträgliche Richtigstellung in der taz ist ein tolles Dokument, denn sie bekennt, dass sie niemals »ein Bündnis mit einer egal welcher Person oder Gruppe eingehen« würde, »die antisemitisch, gewalttätig, rassistisch, homophob oder sexistisch ist«. Wer hätte das gedacht. Und selbstverständlich ist sie für Frieden. Das ist schön und erhebend. Sollte Judith Butler davon ausgehen, dass diese Aussagen nötig sind, und warum sollte sie das schreiben, wenn sie das nicht fände, dann scheint sie von ihren Anhängern entweder nicht viel zu halten, wenn sie ihnen zivilisatorische Mindeststandards noch mal unter die Nase reibt, oder sie hält ihre Fans für einen wilden gewalttätigen Haufen, den sie mit diesem Aufruf zur Räson bringen will.
Wahrscheinlich aber muss sie das tun, weil Leute wie Eva Illuz tatsächlich so dämlich sind, wie Judith Butler anzunehmen scheint. Im Spiegel schreibt Illouz, dass die politische Einstellung des Preisträgers keine Rolle spielen sollte. Das wäre Adorno aber gar nicht recht gewesen. Im Unterschied zu den Naturwissenschaftlern, die lllouz als Beispiel nennt, weil deren politische Ansichten auch manchmal fragwürdig seien, ohne dass sich irgendjemand daran stört, zeichnet sich der Geisteswissenschaftler dadurch aus, dass er eben nicht irgendein Atom oder irgendeine Zellenteilung nachzuweisen versucht, sondern Aussagen über gesellschaftliche Zusammenhänge macht, jedenfalls sollte man davon ausgehen können, d.h. er kann sich der Beurteilung und Bewertung gesellschaftlicher Konflikte nicht entziehen und deshalb lässt sich eine Gesellschaftswissenschaft nicht trennen von der Politik, die der Gesellschaftswissenschaftler vertritt.
Günther Anders hat mal einen Preis abgelehnt, weil ihm die politische Ausrichtung des Namensgebers des Preises nicht behagte. Und Günther Anders schwamm nicht gerade in Geld, weshalb es nachvollziehbar gewesen wäre, wenn er gesagt hätte, ich bin alt und brauche das Geld. Günther Anders hatte noch Prinzipien, und er war sehr moralisch. Von dieser Moral wird heute vor allem geredet, sie zu beherzigen, das ist in diesem Betrieb dann schon eine andere Sache.