Kleiner Mann ganz groß

Mit »Niveau ist keine Hautcreme« hat Günther Willen bereits einen richtigen Bestseller verfasst, eine lustige Sprüchesammlung mit hintergründigem Humor. Jetzt hat der ehemalige »Kowalski«-Mitarbeiter und nunmehrige Oldenburger Bibliothekar wieder ein Buch »rausgehauen«, das sehr bestsellerverdächtig ist. Und zwar, weil es in »Das große Buch der kleinen Männer« nicht nur um kleine Männer geht, sondern weil es einen feinen, dezenten und sehr netten Humor ausstrahlt, nicht diesen brachialen Ablachhumor der Comedyschreihälse. Und das zeichnet Günther Willen aus.
Auf die Idee zu dem Buch kam Günther Willen, weil nur kleine Männer mit Angabe ihrer Körpergröße genannt werden, nie aber große Männer. Schon allein das setzt eine genaue Beobachtungsgabe voraus, denn wer nimmt denn solche Dinge heute noch wahr, die uns ganz normal erscheinen und gar nicht der Rede wert. »Nicolas Sarkozy. Gerade mal 1,65 m groß, stellt sich bei Gipfeltreffen gern auf Zehenspitzen«, bemerkte die FAZ süffisant. Und für solche beiläufig abwertenden Bemerkungen rächen sich die kleinen Männer. Weil sie klein sind, müssen sie sich in allen Dingen mehr beweisen als große Männer, ihr Ehrgeiz ist größer als der großer Männer, sie haben »das gewisse Etwas. Sie sind nicht nur außergewöhnlich, sondern auch oho.«
Seit 1987 ist Günther Willen dieser Sache auf der Spur und hat fleißig alles zusammengetragen, was es über kleine Männer zu sagen gibt und dabei festgestellt, dass rund 25 Prozent der deutschen Männer kleiner sind als 1,70 m. Trotzdem halten sie »die Welt in Atem. Erdbebenforscher haben errechnet, wenn alle kleinen Männer gleichzeitig von einem Stuhl springen würden, dann gäbe es ein Erdbeben, und nichts wäre mehr wie früher.« Schon allein das ist ein Grund, nett und freundlich zu den kleinen Männern zu sein, denn so abfällige Songs wie der von Randy Newman »Short people have no reason to live«, spornen sie in ihrer Geltungssucht, ihrem Machtbewußtsein und ihrem Ehrgeiz an. Und wenn Karl Kraus schreibt: »Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen Schatten«, dann verstehen das die Zwerge nur als neue Herausforderung, der es sich zu stellen gilt: »Bitte helfen Sie mir nicht, es ist schon allein schwer genug.«
Günther Willen nähert sich diesem Thema sehr feinfühlig. Er zeigt die Vorteile des Kleinseins auf (»Im Flugzeug hat man immer genug Beinfreiheit«) und verschweigt auch nicht die Nachteile (»Man muss ein Zimmer manchmal zweimal betreten, bevor man wahrgenommen wird«), er listet die kleinwüchsigen Diktatoren und Bösewichter auf (der kleinste war Benito Mussolini mit 1,52 m), die Helden und Heiligen (Meyer Lanski, ebenfalls nur 1,52 m), Politiker und Bonzen, Stars und Sternchen, Musiker und Komponisten (Frank Sinatra, 1,67 m), Willen streut willkürlich schöne Anekdoten ein, stellt eine kleine Allstars-Fußballmannschaft auf mit Uwe Seeler (1,69 m) und Thomas Häßler (1,66 m) und erstellt eine Shortlist für den deutschen Buchpreis mit Titeln wie »Der kleine Bruder« von Sven Regner und »Das kleine Arschloch« von Walter Moers.
Sehr verdienstvoll ist auch ein kleines Kapitel über »Kleine Männer in der Literatur«, in dem der sehr belesene Günther Willen die gesamte Weltliteratur nach den entsprechenden Stellen durchforstet und der Nachwelt solche Kleinodien erhalten hat wie das von P.G. Wodehouse: »Wie Barney den Agenten der Handwerkerfirma ganz richtig beschrieben hatte, war er nicht von überragender Körpergröße. Darin hätte ihr jeder unparteiische Beobachter recht gegeben. Er war nur einen Meter achtundsechzig groß, aber jeder, der ihn kannte, konnte bestätigen, daß das völlig ausreichte.«
Dazu kommt noch ein liebevoll kommentiertes Lexikon der wichtigsten kleinen Männer. In diesem Buch steht einfach alles drin. Selten wurde eine Thema so erschöpfend behandelt wie von Günther Willen, der als 1,89 m großer Mann sozusagen eine Schuld für uns alle abträgt, die zu den 75 Prozent gehören, die über 1,73 m sind, denn ab dieser magischen Grenze wird die Körpergröße nicht mehr extra erwähnt. Warum die Meßlatte so niedrig hängt, weiß auch der Autor nicht, aber er hat den kleinen Männern völlig zu Recht dazu verholfen, mit diesem Buch einmal ganz groß rauszukommen.
Wer dieses Buch gelesen hat, würde selbst gerne einmal ganz klein sein, und von welchem Buch kann man das schon sagen.

Günther Willen »Das große Buch der kleinen Männer«, Lappan, Oldenburg 2012, 208 Seiten, 12,95 Euro