Große Reportageliteratur

Marie Luise Scherers „Die Bestie von Paris und andere Geschichten“ ist ein kleines Juwel in der Reportageliteratur. Die hier veröffentlichten vier Geschichten sind in der goldenen Zeit des Spiegel erschienen, also Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger, als sich das Nachrichten-Magazin noch den Luxus leistete, ähnlich wie der New Yorker, solche langen und präzise recherchierten Artikel zu veröffentlichen. Vor allem die titelgebende Geschichte ist ein Beispiel für einen Journalismus, den es nicht mehr gibt, weil sich da jemand die Zeit nimmt und sie auch eingeräumt bekommt, einer Geschichte auf den Grund zu gehen. Der Glücksfall besteht allerdings auch darin, dass Scherer eine brillante Stilistin ist.
Thierry Paulin, Tänzer, jung, schwul und schillernde Person in der Pariser Halbwelt, hat zwischen 1982 bis 1987 21 Morde begangen, z.T. mit seinem Freund Jean-Thierry Mathurin. Sie hielten auf Märkten nach gebrechlichen und alleinstehenden Frauen Ausschau, verfolgten das Opfer in ihre Wohnung, brachten sie auf grausame Weise um, durchwühlten die Zimmer und zogen häufig mit einer nur geringen Beute wieder ab. Sie wohnten in einem schäbigen Hotel und wenn Paulin zu Geld kam, gab er es mit vollen Händen wieder aus. Scherer versteht es, die beiden Täter nicht zu dämonisieren, was aufgrund ihrer monströsen Taten nahe liegt, und zugleich zeichnet sie liebevolle Porträts der alten Damen. Als Paulin am 1. Dezember 1987 verhaftet wird und aufgrund von Fingerabdrücken schnell überführt werden kann, genießt er die „Berühmtheit“, die ihm plötzlich zukommt und die er ersehnt hat. Eineinhalb Jahre später stirbt er an Aids. Er ist 25.
In einer anderen Reportage hat Marie Luise Scherer den „letzten Surrealisten“ Philippe Soupault besucht, der auch der erste gewesen war, denn er hatte zusammen mit André Breton die Gruppe gegründet, und er war auch einer der wenigen unabhängigen Geister, die sich nicht dem Reglement des Chefs unterordnete und sich die Freiheit nahm, Romane zu schreiben, die von Breton als geistige Kleingärtnerei verachtet wurden und die in „menschenleeren Straßen“ spielen, „in denen Pfiffe und Schüsse die Entscheidung diktieren“, wie Walter Benjamin schrieb. Soupault war einer der großen Zeugen des letzten Jahrhunderts, denn er kannte alle, und ein Register ergäbe ein beeindruckendes Who‘s who, von Proust bis Joyce. Er erzählt zauberhafte Anekdoten und Episoden mit der Gelassenheit eines Mannes, der in seinem Leben alles gesehen hat, und zwar mehr als nur einmal.
Scherer hat ihm ein kleines Denkmal gesetzt, das bleiben wird, wie ihr Buch auch, denn es ist zeitlos, auch wenn sie über flüchtige zeitgeschichtliche Ereignisse geschrieben hat. Sie hat ihren Kern berührt und Literatur daraus gemacht, und das ist sehr selten.

Marie Luise Scherer, „Die Bestie von Paris“, Matthes & Seitz Berlin 2012.