Debord in Müllers europäischer Ideengeschichte

Schon 1958 haben die Situationisten in der 1. Nummer der Revue »Internationale Situationniste« davor gewarnt, »Situationismus« zu verwenden. Es sei ein »sinnloses Wort«, ausgedacht von ihren Gegnern. Das hat nicht viel genutzt. Seit Guy Debord und die Situationisten an der Universität ein Nachleben führen und von Geisteswissenschaftlern wie Jan-Werner Müller in seinem neuen Buch »Das demokratische Zeitalter« Eingang in die »politische Ideengeschichte Europas im 20. Jahrhundert« gefunden haben, ist der »Situationismus« en vogue, ohne das diejenigen, die den Begriff benutzen, überhaupt wissen, dass sie sich damit blamieren.
Jan-Werner Müller widmet den Situationisten und Debord ein kleines Kapitel, in dem er der großen Masse an Sekundärliteratur ein paar weitere Seiten hinzufügt, die an liberaler Betulichkeit, Mittelmäßigkeit und Flauheit nichts zu wünschen übrig lassen. Guy Debord, den er in seiner Zeit für ziemlich unbekannt hält, was leider ein kleiner Irrtum ist, hätte für Jan-Werner Müller nicht viel übrig gehabt. Vermutlich hätte er ihn sehr beleidigt. Belustigt hätte sich Debord höchstens über die wenigen Zeilen über sein Leben:
»Debord, der immer stolz darauf gewesen war, keinen Tag ohne Alkohol zu verbringen, glitt in immer selbstzerstörerische Verhaltensmuster ab. Er siedelte aus Paris in ein hinter hohen Steinmauern verstecktes einfaches Bauernhaus in der Haut-Loire um, wo er über Clausewitzens Vom Kriege brütete.« Bevor Debord das jedoch tat, hatte Debord u.a. in Barcelona, in Arles und in Florenz gewohnt. Na gut, das ist jetzt nicht so der Hammer, aber schon ein kleiner Unterschied. Jan-Werner Müller schreibt jedoch noch weiter: »Am letzten Novembertag des Jahres 1994 schoß er sich in der Abenddämmerung ins eigene Herz.« Wenn es Jan-Werner Müller sonst auch so genau genommen hätte, wäre sein Buch wenigstens amüsant geworden.