Die Wahrheit über den 4. Spieltag

“Der Alltag ist nur durch das Derby erträglich”, stand auf einem BVB-Transparent, und nur Leute, die mit Fußball nichts anzufangen wissen, nicken weise mit dem Kopf und verstehen die schöne Selbstironie nicht, die in diesem Spruch steckt. An den Alltag jedenfalls dachte niemand mehr, denn die 132. Begegnung der beiden Revier-Konkurrenten hatte alles zu bieten, was man in der gesamten letzten Saison vergeblich suchte, Tore, Spannung, Tragik, brutale Fouls, Platzverweise, große Comebacks, einfach alles. Erstaunlich war zunächst, daß die Dortmunder die ersten zehn Minuten den Schalkern spielerisch überlegen waren und durch zwei Großchancen von Zidan bereits früh hätten in Führung gehen können, aber der Ägypter verstolperte kläglich. Petric hätte sich nicht so dämlich angestellt wie Zidan, der sich eigensinnig immer wieder festrannte. Und dann sah es so aus, als ob sich diese hirnverbrannte Entscheidung Zorcs, Petric nach Hamburg zu verscherbeln, rächen würde, denn mitten in der Dortmunder Überlegenheit unterlief Subotic ein versehentliches Handspiel und ratzfatz stand es 1:0, und dann leistete sich Weidenfeller zwei schwere Patzer und schon stand es 3:0. Eigentlich dachte jeder, Schalke hätte ein Torwartproblem, weil die ihren 3. Mann einsetzen mußten, aber danach wußte man es besser. Danach war die Luft raus und ein paar aufdringliche Schalke-Fans spotteten im Intertank, wohin ich mich wegen Überfüllung in der Milchbar geflüchtet hatte, daß es jetzt aber an der Zeit wäre, Ricken einzuwechseln. Aber es kam Frei und Tinga, die zwei schönsten Comebacks zu genau dem richtigen Zeitpunkt und genau zum richtigen Spiel. Denn gerade als die Schalker glaubten, die Dortmunder durch spielerische Arroganz demütigen zu können, machte Subotic sein Handspiel wieder gut und köpfte zu einem wunderschönen Anschlußtreffer. Und plötzlich wurden die Schalker nervös, vor allem als vier Minuten später Frei nach einem Paß von Tinga mit einem sensationellen Treffer ins obere linke Toreck in der 71. Minute auf 2:3 verkürzte. Jetzt waren sie nicht nur nervös, jetzt liefen die Schalker auch noch Amok gegen Kuba, was sowohl Pander als auch Ernst eine rote Karte einbrachte, die nicht mal von den Schalker Fans angezweifelt wurde. Und dabei hatten sie Glück, denn Rafinha hätte nach zwei groben Fouls und einer Tätlichkeit allein schon zweimal vom Platz gehen müssen. Aber daß man ein Spiel mit solchen fiesen Tricks nicht immer über die Runden kriegt, zeigte sich in der Schlußminute, als der Mann des Tages, Kuba, mit einem Kopfball Kristajic am Arm traf und Lutz Wagner auf den Elfmeterpunkt zeigte. Frei machte sich an diesem sonnigen Nachmittag in Dortmund auf immer unsterblich, indem er souverän zum 3:3 ausglich. So mutig diese Entscheidung des Schiris war, so ängstlich und bedauerlich war sein pünktlicher Abpfiff, denn die drei bis vier Minuten Nachspielzeit wären nochmal sehr spannend gewesen, aber gerade als sich der Ganzkörpertätowierte Jones um eine weitere rote Karte bewarb, nahm Lutz Wagner den Spielern das Spielgerät weg. In Dortmund weiß man wieder, warum man Fan ist.