Die Wahrheit über den 5. Spieltag

In meinem Nebenjob als Spielervermittler beobachtete ich das Spiel einer B-Jugend-Mannschaft irgendwo im Hunsrück (schließlich muss man ja ein paar Kröten verdienen) und war erstaunt, dass selbst die Klasse der 15 bis 16-jährigen ziemlich modernen Fußball spielen, d.h. mit auf einer Linie stehender Viererkette, mit schnellem direkten Kurzpassspiel, mit tororientiertem Konterfußball. Man ist also schon etwas weiter als damals, als ich als rechter Verteidiger mich an die Fersen des Linksaußen heften musste. Aber da ich als Prekärer auch noch einen Job als Kolumnist habe, guckte ich im Vereinsheim mit einem Auge auf das Spiel des Tages, auf Bayern gegen Bremen. Die Norddeutschen hatten statistisch gesehen keine guten Karten, aber wer hat die schon gegen Bayern. Da Bremen gerade eine zähe Phase durchlief, machte ich mir wenig Hoffnungen. Aber dann stand es zur Pause bereits 2:0 und ich dachte, dass die Bayern sich vielleicht ein Beispiel an die diszipliniert spielenden Hunsrücker Jugendlichen hätten nehmen sollen, denn sie gingen eindeutig zu pomadig an die Sache. Aber ich wusste auch, dass es den Dortmundern am letzten Donnerstag gegen Udinese nicht anders ergangen war, als sie versuchten, das Spiel zu machen und gegen disziplinierte Gegner sich präzise Kontor einfingen, die sämtlich in Tore umgemünzt wurden. Das führte in München zu gewissen Frustrationen wie bei Schweinsteiger, als er den Ball an die Bande hämmern wollte und dabei ausrutschte. Diese Szene versinnbildlichte die gesamte Bayern-Misere an diesem Tag. Nicht mal der Frustabbau ließ sich elegant in Szene setzen. Und deshalb salbaderte Beckenbauer auch ausschließlich darüber, dass man schnellstens auf das Oktoberfest gehen, sich mehrere Maß in sich hineinschütten und alles vergessen sollte, denn solche Tage gäbe es eben mal im Fußball, an denen einfach alles schief lief, womit er Recht hatte, jedenfalls war der Oberblödmann der Kommentatorenriege Marcel Reif-Ranicki schon kaum mehr zu ertragen in seinen durch Wiederholung nicht besser werdenden Hinweisen, wie schlimm die Blamage und wie unfassbar die Leistung der Bayern gewesen sei. Das will ich schon nicht hören, wenn dieser Nervbolzen Dortmund-Spiele kommentiert, jetzt wird mir das auch bei den Bayern zu blöd. Schön war es hingegen, von den Werder-Fans Sprechchöre für Jürgen Klinsmann zu hören, dem Sinnbild für den neoliberalistischen Niedergang des Fußballs. Und man erkannte, als die 5:2-Klatsche schließlich perfekt war, in der versteinerten Miene von Uli Hoeneß, wie ihm langsam dämmert, dass er auf ein falsches Pferd gesetzt haben könnte, was gar nicht unwahrscheinlich ist, denn Klinsmann könnte sich durchaus als Scharlatan erweisen, der außer Buddha kein Konzept hat, das über eine ganze Saison hinweg trägt. Außer das übliche Blahblah nach einem solchen Spiel hatte er nichts zu bieten, außer dass er dies in wohlsortierten Worten ausdrückte und dabei immer schön lächelte wie bei einer Zahnpastawerbung. Ich trank mein Glas aus und fragte mich, warum vor den Fenstern des Vereinshauses, von dem aus man einen guten Blick auf das Spielfeld hatte, Gitter angebracht waren. Klar, wegen der Querschläger und der Glasereirechnung. Einen Augenblick dachte ich tatsächlich, dass vielleicht zu viele suizidgefährdete Leute in dieser Gegend lebten. Aber vermutlich perlt das ganze Fußballexpertengequalle an den Hunsrückern völlig ab.