Adel verpflichtet

Jessica Mitford war eine von sechs Schwestern, die David Bertram Ogilvy Freeman-Mitford, der 2. Baron Redesdale, in die Welt gesetzt hat. Dieser Mann war nicht sehr angenehm und Jessica bezeichnete ihn als »Faschist von Natur aus«, und auch ihre Mutter war eher konservativ gestrickt und im Zweifelsfall auf der Seite ihres Mannes. Ihre Schwestern Boud und Diana waren glühende Verehrerinnen von Hitler, der wiederum die beiden für »vollkommene Beispiele arischer Weiblichkeit« hielt.
Bei dieser reaktionären Übermacht ist es erstaunlich, dass Jessica Mitford genau in die entgegengesetzte Richtung ausschlug und Kommunistin wurde. Wenn eine Landadlige, die nie auch nur einen Finger krumm machen und sich nicht mal um ihre eigene Unterwäsche kümmern musste, zur Kommunistin konvertiert, dann kann das eigentlich nur schrullige Züge annehmen. In ihrem Fall sogar sehr liebenswürdige. Die 1917 geborene Jessica jedenfalls beklagt sich in ihren bereits 1960 und nun zum ersten Mal auch auf deutsch erschienenen Jugenderinnerungen »Hunnen und Rebellen« hauptsächlich über die trostlose Langeweile des Landlebens, über die reaktionäre Gesinnung ihrer engsten Verwandten spottet sie leicht amüsiert.
Als ihre Schwester Boud durch längeres Herumlungern im Münchner Hofbräuhaus irgendwann Hitler kennenlernt, stellt sie ihm später auch ihre Eltern vor, die vom Führer sehr angetan waren. Ihre Eltern, so Jessica, wurden von den Nazis »zum ersten Mal in ihrem Leben als wichtige Persönlichkeiten behandelt, weil sie eine vollkommen falsche Vorstellung vom politischen Einfluß solch obskurer Provinzadliger hatten.«
Jessica Mitford kann es gar nicht erwarten, aus ihrem Gefängnis zu entfliehen, in dem nicht mal eine Schule für Abwechslung sorgt, die sich für eine Tochter aus höherem Hause nicht schickt. Ständig schmiedet sie neue Fluchtpläne, die in einem sehr abenteuerlichen Licht erscheinen, weil sie auf der freien Wildbahn der Gesellschaft gar nicht überlebensfähig wäre, denn in ihrer behüteten Kindheit wurde ihr alles abgenommen, was das praktische Leben einem Menschen üblicherweise abfordert. Ihr Wissen bezieht sie aus Zeitungen, und als dort einmal zu lesen steht, dass das Ungeheuer von Loch Ness Leute fressen würde, die sich unvorsichtig dem See nähern, trägt sie sich eine Zeitlang mit dem Gedanken, ein paar ihrer Kleider am Ufer zu drapieren und dem Ungeheuer ihr Verschwinden in die Schuhe zu schieben, um den Nachforschungen zu entkommen. Das Problem war nur, daß sie nicht wußte, was sie anschließend machen sollte.
In London schließt sie sich gleich der studentischen Linken an und unternimmt mit dieser auch gleich eine spontane Demo vom Buckingham Palace zur Downing Street. Da stellt sich heraus, daß niemand den Weg kennt. Sie müssen erst einen Polizisten fragen, der ihnen höflich den Weg weist. »›Sir, ich fürchte, Sie gehen in die falsche Richtung.‹ ›Zur Downing Street‹, rief Peter, und wieder folgten wir ihm gehorsam. Doch als wir ankamen, war die Downing Street abgesperrt. ›Typischer Trick der herrschenden Klasse!‹ sagte Peter, obwohl ich fand, es sehe eher so aus, als würden hier Bauarbeiten durchgeführt. Die Demonstranten murmelten, es sei nun wohl bald Zeit zum Tee, und zerstreuten sich.«
Aber die politische Lage wurde ernst und in Spanien fand das Preludium des bevorstehenden Weltkriegs statt. Jessica Mitford gelingt es, zu einem seit langem bewunderten und bekannten Linken Kontakt aufzunehmen und plant mit diesem die große Flucht, denn noch ist sie nicht volljährig. Die beiden schaffen es tatsächlich nach Spanien, allerdings nicht ins umkämpfte Madrid – sie hatte auch gar nichts Passendes für den Kampf dabei –, sondern nur nach Bilbao, wohin ihr ihre Familie einen englischen Zerstörer nachschickt. Der Kapitän lädt sie zum Dinner auf das Schiff ein, aber auch wenn die mittellose Jessica Mitford ziemlichen Hunger hat, weiß sie doch, daß es sich um eine Falle handelt.
Jessica Mitford und ihr Freund sehen die einzige Möglichkeit, von den Eltern in Ruhe gelassen zu werden, in der Heirat. Ein paar Anarchisten, die sie im Café treffen, bieten ihre Dienste an. Sie haben einen Priester gefangen genommen und sind sich sicher, daß sie ihn dazu überreden könnten, die beiden zu trauen.
Schließlich müssen sie Spanien verlassen. In Südfrankreich heiraten sie dann ganz legal, bevor sie sich auf die große Reise nach New York machen, ebenfalls eine wilde Unternehmung, die Jessica Mitford mit dem berühmten unterkühlten Humor beschreibt, der in dieser Beiläufigkeit und mit dieser Lakonie nur den Briten wirklich gelingt. Ein tolles Buch, dem man das Alter von nunmehr 53 Jahren nicht ansieht, so frisch, lustig und so vollkommen ohne Belehrung kommt es daher, dabei spielt das Buch in einer Zeit, in der es nicht gerade viel Grund zu lachen gab, denn bald brach der 2. Weltkrieg aus.
Aus der Zeitung erfährt sie, daß sich ihre Schwester Boud umzubringen versuchte, und trotz aller politischen Differenzen war Boud Jessicas Lieblingsschwester. Und auch andere Lebenskatastrophen stürzen über sie herein. Ihr Kind stirbt nach nur wenigen Wochen und ihr Mann wird bei einem Einsatz als Flieger von den Deutschen abgeschossen. Allein daraus hätten andere Schriftsteller fünf Bücher mit tragischem Inhalt gemacht. Jessica Mitford hingegen belästigt den Leser nicht mit ihren Gefühlen. Alles andere allerdings hätte zu einer Adligen gar nicht gepaßt.

Jessica Mitford, »Hunnen und Rebellen. Meine Famlie und das 20. Jahrhundert«, Berenberg, Berlin 2013