Die Wahrheit über den historischen 11. Spieltag

Der Ex-Knacki und Bayern-Boss Hoeneß stapelte vor der Begegnung beim BVB tief, um die Außenseiterposition seiner Mannschaft zu unterstreichen, denn ihm war klar, dass nur aus dieser Position heraus sich vielleicht etwas mitnehmen ließ, ganz abgesehen davon, dass angesichts der letzten Bayern-Spiele Optimismus nun gar nicht angesagt war. Die Bedeutung dieser Begegnung war für die Bayern immens, denn dieses Spiel hätte ihnen das verlorene Selbstvertrauen, das laut Hoeneß 50% der Leistung eines Spielers ausmacht, wieder zurückbringen können, es hätte die Mannschaft mit einem Schlag wieder zurück in die Erfolgsspur bringen können, aber es half alles nichts, denn jetzt steht Bayern vor seinem eigenen zerstörten Nimbus, der mit sechs hintereinander gewonnenen Meisterschaften nunmehr wie ein Alp auf der Mannschaft und dem Verein liegen dürfte. Jedenfalls hoffe ich das stark, denn sonst wird es langsam langweilig. Sollte der Trend anhalten, könnte es tatsächlich mal eine spannende Meisterschaft werden. Die Bayern fingen zwar wie in alten Tagen erstaunlich überlegen an, setzten Dortmund schwer unter Druck, dem vor allem der für Delaney in die Mannschaft gerückte Weigl überhaupt nicht gewachsen war, aber die großen Torchancen hatte Reus, der dem völlig indisponierten Hummels den Ball wegspitzelte und allein auf Neuer zulief, um dann, weil er zuviel Zeit hatte zu überlegen, ob er schießen, lupfen oder abgeben sollte, prompt die falsche Entscheidung traf. Das 1:0 war von den Bayern fein herausgespielt und die Flanke von Gnabry mit dem dann klassisch verwandelten Kopfball von Lewandowsky war kaum zu verteidigen, weil alles millimetergenau stimmte. In dieser Phase bestand das größte Verdienst des BVB darin, nicht in Hektik zu verfallen, was vor allem an Witsel lag, der in jeder Situation die Ruhe und den Überblick behielt. In der zweiten Hälfte kam Dahoud für Weigl, der mehr Offensivpower ins Spiel der Dortmunder brachte, und jetzt zeigte sich, dass die Bayern offensiv in die Bredouille zu bringen waren, vor allem, weil Neuer bei einer Steilvorlage zunächst zögerte, um sich danach Reus so in den Weg zu werfen, dass der zwar noch den Ball vorbeispitzeln konnte, aber nicht verhindern konnte, mit Neuer zu kollidieren. Der Elfer war so glasklar, dass es nur dem Bayern-Manager Salihamidzic einfallen konnte, ihn als ungerechtfertigt zu bezeichnen. Aber nur ein paar Minuten später war es wieder Lewandowsky, der aus einer unübersichtlichen Strafraumszene heraus den Ball auf den Kopf bekam und ins Tor bugsierte. Dann überschlugen sich die Ereignisse, denn wieder vergab Reus alleinstehend vor Neuer, ebenso der für Götze eingewechselte Alcacer, so dass einem langsam das Gefühl beschlich, das Bayern-Tor könnte von teuflischen Kräften vernagelt worden sein, bis schließlich Reus ein Flanke von Sancho auf höchsten Niveau per Direktabnahme versenkte und damit aus keiner Chance ein Tor machte. Der Siegtreffer durch Alcacer war dann wirklich traumhaft herausgespielt, nachdem Sancho am eigenen Sechszehner den Ball Ribéry abluchste, der Ball dann im One-touch-Stil präzise und in Höchstgeschwindigkeit nach vorne getrieben wurde, wo Alcacer nach einer genialen Vorlage von Witsel den Ball elegant über den herausstürzenden Neuer zum Siegtreffer lupfte. Lewandowsky gelangen zwar noch zwei Treffer, einer davon in der 95. Minute, aber beide wurden aus einer Abseitsposition heraus erzielt. Ein großartiges Spiel, von dem man noch lange wird zehren können, mit einem verdienten Sieg, der nach der 2:0-Niederlage bei Atletico Madrid am Dienstag nicht unbedingt zu erwarten war. Sinnbildhaft für dieses Spiel war, wie Sancho Hummels den Ball abknöpfte und ihm leichtfüßig enteilte. Hummels sagte anschließend, er hätte Schwindelanfälle gehabt wegen einer Erkältung, aber so richtig intelligent hörte sich die Ausrede nicht an. Jetzt haben die Dortmunder sieben Punkte Vorsprung vor den Bayern. Der neue Verfolger heißt jetzt Borussia Mönchengladbach. Die haben nur vier Punkte Rückstand, nach einem 3:1-Sieg in Bremen. So kanns gerne weitergehen.

Die Wahrheit über den 10. Spieltag

Die FAS war voll des Lobes über das Dortmunder Spiel in Wolfsburg und sah den unbedingten Willen zu gewinnen am Werk, eine erfrischende Offensive und einen nie nachlassenden Torhunger, auch wenn das Spiel schon entschieden ist. Angesichts des mageren und in einigen Situationen durchaus gefährdeten 1:0-Sieges sieht die Bewertung ein wenig optimistisch aus, denn auch wenn Wolfsburg nie wirklich vorne gefährlich war, sie waren ansonsten durchaus in der Lage mitzuhalten und vor allem in der Verteidigung standen sie sicher, ohne einfach nur zu mauern. Immerhin war Alcacer fast unsichtbar und Sancho hatte in Roussillon einen Gegenspieler, der genauso schnell war, weshalb das neue englische Wunderkind irgendwann auf die andere Seite auswich und von dort auch die entscheidende Flanke schlug, die Delaney neben das Tor geköpft hätte, wenn nicht zufällig Reus in der Nähe gestanden wäre und nur den Kopf hinhalten musste. Ein Zufallstreffer also, wie das ja meistens der Fall ist, wenngleich man dem Zufall natürlich ein wenig auf die Sprünge helfen kann. In der Schlussphase, als Wolfsburg gezwungen war, alles auf eine Karte zu setzen, ergaben sich dann zwar noch zwei Großchancen, aber sowohl Reus als auch Bruun-Larsen vergaben sie alleinstehend, weil sie zu viel Zeit hatten darüber nachzudenken, wie sie den Ball am besten verwerten könnten. Das Spiel war also kein Selbstläufer, sondern durchaus ein Spiel auf Augenhöhe, was bei Wolfsburg etwas erstaunt, denn vor der Niederlage gegen den BVB hatten sie mit jeweils drei Siegen, Niederlagen und Remis eine ausgeglichene, also eher mittelmäßige bis durchwachsene Bilanz. Wenn man also nach der Statistik geht, wäre Wolfsburg kein Gegner gewesen, den man hätte fürchten müssen. Trotzdem hat der BVB gut gespielt, aber man merkt so langsam die Belastung der englischen Wochen. Man kann eben nicht immer auf einem so hohen Niveau spielen wie gegen Athletico Madrid, wo der BVB letztlich auch mit Glück gewonnen hat. Und auch die Rotation birgt Gefahren, wie man im Pokal gegen Union gesehen hat, als man erst am Ende der Nachspielzeit durch einen Elfer die Partie für sich entscheiden konnte. Die Erfolgswelle, auf der der BVB also gerade schwimmt, ist eine wackligere Angelegenheit, als manche annehmen. Der zweifellos mutige Schritt des BVB, die Mannschaft derart radikal umzumodeln, scheint aber erstmal gelungen zu sein, und zwar erstaunlich schnell, was die Rede vom langdauernden Prozess einer Neuformierung ad absurdum führt. Und umgekehrt kann man ebenso schnell wieder aus einem Formtief kommen. Damit haben Real Madrid und Bayern gerade zu kämpfen, die nach einer langen Erfolgsphase eine überalterte Mannschaft nicht rechtzeitig verjüngt haben. Jetzt schalten sich sogar Spielerfrauen ein und mäkeln an der Arbeit von Kovac herum, in diesem Fall von Müller, dessen Einwechslung in der 70. Minute spöttisch als lang überfälliger »Geistesblitz« kommentiert wurde. Zu Hause nach einer 1:0-Führung gegen Freiburg noch den Ausgleich hinnehmen zu müssen, öffnet in einem Verein wie Bayern alle Türen für Neid, Missgunst und Häme. Dass Kovac das jetzt ausbaden muss zusammen mit den ziemlich lächerlichen Drohungen der langsam selber ein wenig überalterten Vereinsführung gegen eine den Bayern angeblich übel gesinnte Presse, ist hart, aber nicht wirklich etwas, dass einen Tränen in die Augen treibt.

Die Wahrheit über den 9. Spieltag

Irgendwann musste es so kommen. Das Glück, das den BVB in den letzten Wochen begleitet hatte, war aufgebraucht, aber dass es sich ausgerechnet im Spiel gegen Hertha abwendete, war doch etwas bitter, weil man nicht gern gegen einen Club verliert, der dafür wirbt, dass man in Berlin »alles« sein darf, sogar Fan von Hertha BSC. Diesmal haben die Blauweißen in der Nachspielzeit das Spiel noch gedreht durch einen von Zagadou verursachten Elfmeter, als er sich mehr als ungeschickt in einem eigentlich schon gewonnenen Zweikampf gegen Selke anstellte. Aber auch das erste Tor der Hertha war einem krassen Fehlpass von Dahoud geschuldet, bei dem Piszczek seinen Anteil hatte, weil er dem Pass nicht entgegen lief, was für die Spielweise der Dortmunder eher ungewöhnlich ist. Und dann gab es auch noch die Erbsenzähler in Köln, die per Videobeweis ein wunderschönes Hackentor von Sancho aberkannten, weil Reus mit der Fußspitze im Abseits gestanden haben soll. Würden sich diese Leute immer so akribisch einmischen, käme überhaupt nichts mehr zustande. Durch solche absurden Entscheidungen arbeiten sie hart daran, das schöne Spiel zu zerstören. Aber selbst das war nicht unbedingt allein entscheidend für das schmeichelhafte 2:2 der Hertha, die zwar ungewöhnlich konzentriert und präzise spielten, also über ihre Möglichkeiten, was die meisten Vereine tun, wenn sie gegen Dortmund spielen, entscheidend war, dass die Dortmunder einige Großchancen versiebten, wie z.B. Guerreiro, der allein vor Jarstein es mit einem Lupfer probierte und scheiterte, oder Bruun Larsen, der ungehindert eine flache Hereingabe nicht verwerten konnte. Mit diesen Treffern wäre die Partie entschieden gewesen, aber so kam es, wie es kommen musste, nämlich dass dem ansonsten überragenden Zagadou ein Patzer unterlief. Aber nach der letztlich auch glücklichen 4:0-Gala gegen Athletico Madrid kann man nicht erwarten, dass es immer so weitergeht, wichtig ist nur, dass der BVB gerade so ziemlich den attraktivsten Fußball in Europa spielt. Das anerkannte sogar Simeone, dessen Job als Trainer von Athletico nicht gerade darin besteht, hingerissen vom Spiel die Dortmunder über den grünen Klee zu loben. Eine schlechte Figur machte nur der BVB-Chef Watzke, der in einem Interview mit dem Sportstudio sich in selbstgefälliger Bescheidenheit übte und auf unangenehme Weise alles schon vorher gewusst haben wollte, vor allem aber dadurch unsympathisch erschien, weil er in merkwürdiger Unterwürfigkeit das absurde Medien-Bashing der Bayern-Bosse unkommentiert ließ und einem dabei das Gefühl beschlich, dass er dem autoritären Zusammenstauchen der Medien im Stile des bayrischen Alleinherrschers Franz Josef Strauß durchaus etwas abgewinnen konnte. Und in diesem Stil würde vermutlich auch Watzke gerne regieren, umgeben von ein paar Beratern, mit denen es »wahnsinnig Spaß macht«, kontrovers zu diskutieren. Die hässliche Seite des Fußball als bloße Vermarktungsmaschine wird dabei nur noch von einer anderen häßlichen Seite gestört, nämlich den Hooligans, die im Hertha-Block sich mit der Polizei prügelten, wobei diese Fans, die sich prügeln müssen, weil sie sonst nichts mehr spüren, gleichzeitig gebraucht werden, weil sie in den Worten Wolfgang Pohrts »so was wie der Dreck sind, an welchem der Saubermann zeigen kann, dass er einer ist«. Diesmal durfte Michael Preetz in dieser Rolle brillieren.

Die Wahrheit über den 8. Spieltag

Vier Spieltage waren die Bayern sieglos geblieben. Dafür gibt es vermutlich alle möglichen Gründe, wie z.B. die Überalterung des Kaders, Verletzungspech, vielleicht schlechte Stimmung. Man steckt nicht drin, aber ein Grund dürfte es sicherlich nicht gewesen sein, nämlich die Presse, weil sie so schlecht über die Bayern schreibt. Bislang haben sich die Profis nicht durch intellektuelle Anstrengung hervorgetan, vielmehr sind sie eben schnell beleidigt, weil sie sich als Millionäre und durch ihren Status als Stars unantastbar fühlen und mindestens eine Hofberichterstattung erwarten, was häufig ja auch der Fall ist. Hoeneß und Rummenigge haben ihren schlechten Ruf noch etwas vertieft und auf einer Pressekonferenz zu verstehen gegeben, dass sie es als Majestätsbeleidigung ansehen, wenn »herabwürdigend«, ja sogar »Menschenverachtend« über den Verein und die Spieler berichtet wird. Damit konfrontiert, dass Hoeneß auch nicht gerade zimperlich ist und andere Spieler schon mal als »geisteskrank« bezeichnet hat, suchte Hoeneß Zuflucht in der hochkochenden Emotionalität unmittelbar nach dem Spiel, auch wenn der »Scheißdreck«, den jemand gespielt haben soll, schon eine Stunde lang vorbei war. Und Rummenigge berief sich gar auf Artikel 1 des Grundgesetzes und jeder noch so gewogene Reporter muss vor Scham angesichts dieser Peinlichkeit in den Erdboden versunken sein. Jedem dürfte klar gewesen sein, dass dieses Manöver – ganz wie Mourinho das immer gemacht hat – dazu diente, die Aufmerksamkeit auf den Vorstand zu lenken, um die Spieler aus den Fokus zu nehmen. Und das hat dann ja auch geklappt, denn die Bayern gewannen ziemlich souverän in Wolfsburg mit 3:1, was sie allerdings vermutlich auch getan hätten, hätte es die Pressekonferenz nicht gegeben, auf der Rummenigge sich über die »faktische« Berichterstattung beschwerte. Und das ja auch irgendwie zu recht, denn würde jeder immer nur die Fakten referieren, wäre die Langeweile vollkommen. Für die Fakten gibt es das Fernsehen, wo man mit eigenen Augen immer noch unterschiedliche Fakten wahrnimmt, aber wenn man schon liest, will man ein bisschen mehr erfahren. Denn was macht schließlich den Fußball aus? Das Theater, die Ausraster, die Beschimpfung, die ungerechtfertigten Anschuldigungen und niemand weiß das besser als Hoeneß, der immerhin schon mal spielsüchtiger Börsenspekulant war und jetzt auch noch eine lächerliche Figur aus der Muppetshow. Das Erstaunliche ist nur, dass solche Figuren einen so umsatzträchtigen Verein wie Bayern führen, aber gerade weil das so ist, können sie sich gar nicht lächerlich genug machen, denn wären sie nicht durch ihren Status geschützt, könnte man sie auch für einen Fall für die Anstalt halten. Aber in jedem Fall hatte die Show einen großen Unterhaltungswert, und zwar auch deshalb, weil die bitteren Vorwürfe der beiden Chefs, dass viele der Pressevertreter sie gerne verlieren sehen würden, so herzzerreißend waren. Und man fragt sich bereits, was noch zu erwarten sein wird, wenn die Bayern wieder verlieren sollte. Der BVB jedenfalls kann dem absurden Theater entspannt zusehen. Mit 4:0 gewann man diesmal in Stuttgart, ausnahmsweise mal in der ersten Halbzeit, wo man mit einem 3:0 schon frühzeitig alles klar machte, während man die ersten 15 Minuten der 2. Halbzeit mit Glück überstand, als die Schwaben so nett waren, allergrößte Chancen zu versieben.

The Most Dangerous Game. Die rekonstruierte Bibliothek in Silkeborg

Der Pop-Theoretiker Greil Marcus hat in seinem Buch »Lippenstiftspuren« die flüchtigen, im Verborgenen verlaufenden Linien von Ideen und Bewegungen nachgezeichnet, die im letzten Jahrhundert sich an die Arbeit der Zerstörung der Gesellschaft machten. Die Situationistische Internationale war für ihn eine der Linien, die eine ideale Verlaufsform hatte, denn als eine Hand voll Künstler die Situationistische Internationale im Juli 1957 in einem kleinen Bergdorf in Ligurien gründete, nahm außer im Kosmos der avantgardistischen Kunst kaum jemand Notiz davon, und dieser Kosmos war sehr klein, denn in der damals noch überall spürbaren Nachkriegszeit kam der nicht etablierten Kunst höchstens eine Nischenexistenz zu. Die Fäden zu den künstlerischen Bewegungen der Vorkriegszeit waren zerrissen und der Zivilisationsbruch verhinderte es, dass man einfach weitermachen konnte als wäre nichts geschehen. Da gab es den Surréalisme Révolutionnaire junger belgischer Aktivisten, die dänischen Künstlerverbände Host und Helhesten, die niederländische Experimentele Groep, die internationale Vereinigung CoBrA, das Movimento internazionale per una Bauhaus immaginista u.a., die Fragen gegenüber offen waren, wie man sich gegenüber der Gesellschaft positionieren konnte, wie man ihre Veränderung betreiben oder sie gar abschaffen konnte, ohne selbst Teil des Kunstbetriebs zu werden, den man kritisierte. Mit dieser Quadratur des Kreises beschäftigte sich vor allem der theoretische Kopf der künstlerischen Avantgarde Guy Debord intensiv, ohne den Widerspruch wirklich auflösen zu können. Dennoch machte Debord immer wieder auf die Récupération aufmerksam, auf die Befriedung und Vereinnahmung revolutionärer, widerständiger Energie, auf die integrierende Kraft des Spektakels. Phantasie und Kreativität, mit denen man im Mai 68 der repressiven Gesellschaft zu Leibe rücken wollte, wurden kurze Zeit später zum festen Bestandteil der Werbung.
Man kann aber auch noch weiter zurückgehen, bis 1952, als ein paar trinkfeste und aus Heimen geflohene Jugendliche aus der lost generation, Künstler und übel beleumundete Personen die Lettristische Internationale gründeten, eine Linksabspaltung der von Isidor Isou ins Leben gerufenen Lettristen. Die damals im Verborgenen auftauchenden Ideen, die aus der prekären Existenz der Beteiligten entstanden, das Umherschweifen als Methode der psychogeographischen Erforschung der Stadt, die »Konstruktion von Situationen« u.a. wären vielleicht untergegangen, wenn Guy Debord sie nicht der flüchtigen Existenz entrissen hätte, wenn er sie nicht weiter entwickelt hätte in Potlatch und im späteren Organ der SI Internationale Situationniste. Von diesen Ideen nahm lange niemand Notiz und erst mit dem Beginn der Unruhen Mitte der sechziger Jahre, wurden sie immer mehr rezipiert und zum theoretischen Handwerkszeug derjenigen, die nach Antworten suchten, die außerhalb des politischen Meinungsspektrums lagen. Die Theorie wurde zur Gewalt, wie Marx sich das erträumt hatte.
Inzwischen ist die Situationistische Internationale schon lange zu einem musealen Gegenstand geworden, zu einem Objekt zahlreicher Ausstellungen, aber da die SI nur wenig hinterlassen hat, was üblicherweise als Kunst verstanden wird, erweist sie sich auch heute noch als sperrig, was für Kuratoren mit Anspruch und Ambition aber eher als Herausforderung begriffen wird. Wolfgang Scheppe, der mit »Migropolis«, einem zweibändigen »Atlas der globalen Situation« über Venedig, ein beeindruckendes Werk in die Welt gesetzt hat, Roberto Ohrt, der SI-Kunstexperte in Deutschland, und Eleonora Sovrani, haben versucht, ihre Ausstellung anders zu konzipieren als das bislang der Fall war. Im Zentrum der Ausstellung steht ein 1961 von Debord und Jorn gefasster Plan, eine Bibliothèque situationniste zusammenzustellen mit Büchern, Manifesten und Dokumenten nicht nur der SI, sondern von allen Gruppen und Initiativen, mit denen die SI in Verbindung stand. Debord, dem schon früh klar war, dass nur über ein Archiv der Nachruhm zu sichern war, fertigte ein detailliertes Exposé an und schickte auch vieles an das von Jorn ins Leben gerufene Kunstmuseum in Silkeborg, wo das Projekt jedoch nicht weiter verfolgt wurde. In den letzten 20 Jahren wurde eine Rekonstruktion dieser Bibliothek vorgenommen, und die bildet nun einen Schwerpunkt des »Most dangerous game«, das zwar nicht mehr gefährlich ist, aber immerhin eine neue Idee in die Ausstellungsgeschichte der SI bringt.
Mit der Ausführung des Konzepts allerdings verlangen die Aussteller dem Besucher eine Menge ab und man darf bezweifeln, dass der Betrachter sich darauf einlassen wird. Die Filme, die Zeitschriften in den Vitrinen, die Gemälde und Fotos sind ohne jeden Hinweis auf Titel, Urheber oder Hintergrund. Will der Besucher etwas verstehen, muss er einen 900-Seiten-Wälzer im Merve-Format zu Rate ziehen. Die ersten 400 Seiten bieten eine als »Tafeln« bezeichnete unsystematische Collage vermutlich aus den Dokumenten, die für die Bibliothek in Silkeborg rekonstruiert wurden. Auf den folgenden 500 Seiten werden die Dokumente in den Vitrinen und die Bilder und Fotos an den Wänden mit Namen, Entstehungsjahr und Urheber aufgelistet, und zu manchen Dokumenten gibt es eine ausführliche Legende, aus der man häufig sehr aufschlussreiche Dinge erfährt, die bislang weniger bekannt waren, weshalb man – will man über die ausgestellten Dokumente etwas erfahren und sie nicht nur betrachten – dazu genötigt wird, den Ausstellungsziegelstein mit sich herumzuschleppen. Manchmal aber verliert sich auch ein Beitrag im typisch bedeutungsheischenden Kuratorensprech, wo man sich gerne im Nebel unnötiger Abstraktionen und theoretischer Konstruktionen umgibt, der undurchdringlich ist und lediglich eine Distanz zum Betrachter dokumentiert und letztlich die Ausstellungsmacher die schlechte Tradition derjenigen fortsetzen, deren Werke man zu würdigen glaubt.

Ausstellungskatalog: Wolfgang Scheppe, Roberto Ohrt, The Most Dangerous Game, Merve, Berlin 2018

Chaos im Hause Johne Fantes

Die Frau ist schwanger und alles andere als glücklich, denn sie wohnt in einem großen Haus und ist müde von der vielen Arbeit, aber sie will sich auch nicht helfen lassen und sagt auf das Angebot ihres Ehemannes nur: »Faß mich nicht an. Untersteh dich.« Und auch jede andere harmlose Bemerkung kommentiert sich beleidigt, sarkastisch, abweisend. Sie fragt sich verzweifelt, warum sie diesen Trottel bloß geheiratet hat. »Ich blieb still und lächelte dümmlich, weil ich es auch nicht wusste, aber ich war sehr froh, dass sie es getan hatte.« Das Kind wird ein Junge, aber einen Jungen will die Frau nicht: »Die sind ekelhaft. Aller Ärger der Welt kommt von denen.«
Es geht also um etwas sehr Existenzielles, um eine ausgemachte eheliche Krise, dennoch kommt das Buch ganz und gar nicht schwer, deprimierend oder niederschmetternd daher, sondern leicht, spritzig und sehr lustig, denn der Autor ist John Fante, der wie meist über sich schreibt, diesmal aus der Perspektive des angehenden Vaters, der sich mindestens sieben Kinder wünscht, während seine Frau sich das nie wieder antun will, was seinem Projekt aber keinen Abbruch tut.
John Fante, der kleine Bandini-Junge, der unter ärmlichsten und ziemlich harten Bedingungen in einer italienischen Einwanderer-Familie aufgewachsen ist, hat es geschafft. Er hat von seinem ersten Roman 2300 Exemplare verkauft, von seinem zweiten 4800 und seinem dritten 2100. Nichts, wovon man als Autor leben könnte, aber dafür zahlt Hollywood für Drehbücher mit dicken Schecks. Eine Frau, ein Haus und Kinder sind die logische, unausweichliche Folge dieses Geldsegens, aber im Leben des John Fante heißt das noch lange nicht, dass kleinbürgerliche Ruhe einkehren würde, und solche Krisen können John Fante nicht umhauen, denn aus seiner Kindheit ist er ganz anderes gewöhnt. Doch seine Frau Joyce in der Küche durch den termitenzerfressenen Holzboden kracht, nimmt die ganz normale Krise doch noch eine andere Dimension an, denn John Fante kommt auf die Idee, einen Handwerker im Ruhestand mit der Reparatur des Fußbodens zu beauftragen. Dummerweise ist dieser Handwerker sein Vater, der den Beruf seines Sohnes nicht versteht und immer noch hofft, der würde mal was Anständiges lernen, in das Heimatstädtchen zurückkommen und sich dort niederlassen. Und als sich der Vater schließlich entschließt, seinem Sohn im weit entfernten Los Angeles zu helfen, werden das Chaos und die Hektik noch viel größer als das sowieso der Fall war, denn nicht etwa wird der Fußboden repariert, sondern der Vater baut stattdessen einen überdimensionierten und nutzlosen, aber wunderschönen Steinkamin, und als die ersten Wehen einsetzen, schreit sein Vater ständig nach heißem Wasser, seine Frau will ganz schnell getauft werden und Fante versucht am Telefon den Arzt zu überreden, ganz schnell zu kommen.
John Fante ist ein grandioser Autor mit einem ausgeprägten Sinn für Humor und Witz und wie diese am besten in den Dialogen zur Geltung kommen. Man merkt, dass Fante als Drehbuchautor gearbeitet hat, und auch wenn er nur Verachtung für seinen Brotjob übrig hatte, er konnte es sich in seinen Drehbüchern nicht erlauben, seine Figuren vor sich hin labern zu lassen. Und er beachtete eine wichtige Regel im Schriftstellerberuf: er schrieb nur über das, worin er sich auskannte, nämlich über seine eigene Biografie. Und er hat nie über etwas anderes geschrieben. Und dennoch war er nie sicher. »Ich fand jede Zeile, die ich schrieb, nur durchschnittlich.« Und genau dieser Zweifel an sich machte aus ihm einen großen Schriftsteller, und man muss Bukowski auf Knien danken, dass er die Leute mit der Nase darauf gestoßen hat.

John Fante, »Voll im Leben«, aus dem Amerikanischen von Doris Engelke, Maro Verlag, Augsburg 2018, Pb, 160 Seiten, 18.- Euro

Der Engel des Todes. Das Verschwinden des Josef Mengele

Das Leben des berüchtigen KZ-Arzt Josef Mengele ist ausgiebig erforscht, nun ist auch noch ein von der SZ und der FAZ hochgelobter Roman über Mengele aus dem Französischen übersetzt worden. Der Autor Olivier Guez ist Journalist und hat das Drehbuch für den Film »Der Staat gegen Fritz Bauer« geschrieben. Aus den Quellenangaben am Ende des Buches geht hervor, dass Guez die einschlägige Literatur zu Rate gezogen hat, er ist zudem nach Argentinien und Brasilien geflogen, zu den Orten, an denen Mengele sich versteckt hat, und er hat Günzburg aufgesucht, eine Kleinstadt in Bayern, von der aus der flüchtige Mengele von seiner Familie finanziell unterstützt wurde.
Guez ist ein grandioses Buch gelungen, weil er es versteht, ohne jegliche moralische Bewertung auszukommen, was sich leichter anhört als es ist, weil die meisten Autoren ohne sie nicht auskommen und dem Leser kein eigenes Urteil zutrauen. Guez berichtet sachlich und genau, und nur manchmal rutscht ihm ein Adjektiv durch, auf das man vielleicht hätte verzichten können. Guez‘ Buch beginnt mit der Ankunft Mengeles in Buenos Aires. Es schildert den politischen Hintergrund, der eine solche Flucht möglich machte, die Verhältnisse in Argentinien unter Péron, der die Nazis wegen ihrer Kriegsleistungen bewunderte und ihnen nicht nur Zuflucht gewährte, sondern sich auch von einigen übers Ohr hauen ließ, indem er ihre Projekte finanzierte, aus denen nie etwas wurde. Es beschreibt das weithin bekannte Hintertreiben einer juristischen Aufarbeitung der von Nazis durchsetzten Bundesregierung in der Nachkriegszeit, das dennoch immer wieder fassungslos macht, die Nazi-Seilschaften, die sich um ihre »Kameraden« kümmerten und die Familie Mengele warnte, wenn eine Hausdurchsuchung angeordnet wurde, was einem angesichts der NSU und der Vorfälle in Chemnitz ein Déjà Vu beschert.
Guez gelingt es, mit einfachen erzählerischen Mitteln das Milieu im Exil zu beschreiben, in dem die Nazis auf groteske Weise ihre Weltanschauung pflegten und auch ökonomisch wieder Fuß fassen konnten. Das ist gut gemacht. Nur Éric Vuillard ist in seinem mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Werk »Die Tagesordnung« psychologisch vielleicht noch schärfer und präziser, wenn er mit satirischem Vergnügen die 24 hochrangigen Vertreter der deutschen Industrie beschreibt, die sich wie gewöhnliche Befehlsempfänger in einem Wartezimmer abstellen lassen, bevor der Führer sich herablässt, sie zu empfangen, Wirtschaftsbosse, die Hitler vorher nur als einen willigen Vollstrecker ihrer Interessen betrachteten. Vuillard muss dabei nichts erfinden, denn es gibt eine Menge Tagebücher und Erinnerungsliteratur, die er sarkastisch kommentiert und in Szene setzt, um die absurde Lächerlichkeit dieser preußischen Zwangscharaktere hervortreten zu lassen, die auf peinlichste Weise plötzlich in sich zusammenbrechen, wenn jemand die Spielregeln der Macht gegen sie wendet.
Aufgrund der Tagebuchaufzeichnungen Mengeles lässt sich zwar vieles rekonstruieren, aber Mengele mied aus naheliegenden Gründen die Öffentlichkeit, vor allem, als durch Zeugenaussagen immer mehr über seine Rolle im KZ ans Tageslicht kam, im Frankfurter Auschwitz-Prozess häufig sein Name fiel und der israelische Geheimdienst nach der Entführung Eichmanns ihn fast erwischt hätte. Das alles schreckte die Nazi-Gemeinde auf. Mengele versuchte also, so wenig Spuren wie möglich zu hinterlassen, und sobald das Interesse der Öffentlichkeit sich auf ihn fokussierte, musste er wie eine Kakerlake schnell in Ritzen verschwinden. Vielleicht untersuchte und bewunderte er deshalb die robuste lateinamerikanische Kakerlake, lockte sie mit Zucker auf dem Badezimmerboden an, »um das weiße Blut zu beobachten, das aus ihrem verletzten Brustkorb tropft«.
Am Ende lässt Guez Mengele beim Baden an der brasilianischen Küste ertrinken. Aber das ist Fiktion und letztlich auch unwichtig. Guez schreibt, dass »manche Schattenzonen vermutlich nie ganz ausgeleuchtet werden« und dass es nur in der »Form eines Romans« gelingt, »dem makabren Leben« des Nazi-Arztes möglichst nahezukommen. Aber darin besteht auch gleichzeitig die Schwäche des Buches, denn auch wenn sich die dokumentierten und die fiktiven Stellen des Buches in der Regel auseinanderhalten lassen, so gibt es nicht wenige Stellen, wo man gerne gewusst hätte, ob das nun ausgedacht war oder tatsächlich passiert ist.
Und dann stellt sich die Frage: Warum eigentlich will Guez dem makabren Leben Mengeles möglichst nahekommen? Will man wirklich wissen, welche Qualen Mengele erleiden musste, welche Ängste und Träume ihn plagten und dass ihm eine »Vertreterin einer minderwertigen Rasse« einen geblasen hat? Vielleicht ist Guez der Versuchung erlegen, das Leben Mengeles als ein ganz und gar erbärmliches zu beschreiben, um den Gerüchten ein Ende zu bereiten, die Mengele umschwärmten wie Motten das Licht, weil er nicht auffindbar war und doch überall gesehen wurde, vielleicht wollte Guez all das Geheimnisvolle und Rätselhafte, das automatisch das Verschwinden einer Person umgibt, zerstören, aber das kann mit einem Roman nicht gelingen, weshalb Guez letztlich an Mengele scheitert, denn die Nüchternheit seines Stils lässt sich in den fiktiven Passagen nicht wirklich durchhalten. Dennoch ein Buch von großer Wichtigkeit, denn die Leute, die nichts dabei finden würden, einem Mann wie Mengele wieder zu helfen oder den Mantel des Schweigens über seine grauenhaften Taten zu legen, gibt es auch heute noch. Und sie werden mehr.

Olivier Guez »Das Verschwinden des Josef Mengele«, aus dem Französischen von Nicola Denis, Aufbau, HC, 224 Seiten, 20,00 Euro

Die Wahrheit über die Buchmesse 2018

Die Buchmesse reagiert nun schon seit Jahren auf die neuen Anforderungen der Zeit, und auf zwar auf sehr einfallsreiche Weise. Die Stände werden immer teurer, um den Ausfall der Kosten durch wegbleibende Verlage zu kompensieren, aber auch durch Erhöhung der Eintrittspreise. Ein Tagesticket kostete 2016 45.- Euro, 2017 68.- und in diesem Jahre nur noch 74.- Euro. Uneinsichtige Buchhändler, die keinen Sinn für die Nöte der Messe haben, die immer größer und weltläufiger wird und mit Georgien einen echten Knüller zum Messeland gemacht hat, was natürlich mit großen Kosten verbunden ist, meckern zwar, aber sie können ja schließlich auch übers Internet Bücher bestellen, wenn sie denn unbedingt welche haben wollen. Auch sonst geht die Buchmesse unbeirrt den Weg der digitalen Modernisierung. Seit diesem Jahr ist das Eintrittsticket für den Aussteller nicht mehr im Preis des Standes enthalten, sondern man muss sich dieses Ticket selbst ausdrucken, natürlich sehr einfach und in nur wenigen Stunden leicht zu machen, so dass sich jeder, der am Leitfaden scheitert und dann doch zum Telefonhörer greifen muss, um sich unter Anleitung einer geduldigen Dame durch das System des Klickens führen zu lassen, in den Genuss kommt, sich wie ein echter Vollidiot fühlen zu dürfen. Man nennt diese Methode Outsourcing, also die Verlagerung der Arbeit an den Kunden, um selbst mehr Zeit für Brainstormingkonferenzen zu haben, in denen mit großen Visionen an der Abschaffung des Buches gearbeitet wird. Der Branche geht es schlecht. Inzwischen gibt es Graphiken, aus denen durch eine nach unten fallende Kurve eindeutig hervorgeht, dass der Leser ausstirbt und immer weniger Bücher verkauft werden. Und auch wenn die verbliebenen Leser mehr Bücher kaufen, können sie den Abwärtstrend nicht stoppen. Die meisten der noch vorhandenen Leser schreiben im übrigen ihre Bücher selbst. Mit den von den Verlagen abgelehnten Manuskripte allein in Deutschland könnten, nebeneinander gelegt, die Erde eingepackt werden. Die Verlage machen dennoch weiter, in der Regel allerdings deshalb, weil die meisten Verleger, wie ich auch, sonst nichts richtiges gelernt haben und nun gezwungen sind, solange ins Büro zu gehen bis der Insolvenzverwalter an die Tür klopft. Die Zeit der rauschenden Verlagspartys ist vorbei. Rowohlt hat seine gestrichen und macht jetzt wie Suhrkamp einen Kritikerempfang, um dem unkontrollierten Ansturm der Autoren einen Riegel vorzuschieben, die sich auf Kosten Rowohlts die Kante geben. Kein Wunder, dass auf diesen Empfängen der Kulturpessimismus Konjunktur hat. Die Journalisten haben Angst, dass sie bald überflüssig sind und entlassen werden, die Verleger, dass sie auf ihren Bücher sitzen bleiben, die dann makuliert werden müssen. Aber ist das wirklich ein Wunder? Geschätzte 95 % der gesamten Buchproduktion sind Mist. Vielleicht haben die Leser das jetzt langsam gemerkt. Eigentlich ist es nur verwunderlich, dass es so lange gedauert hat. Und die restlichen 5 % haben bis auf Ausnahmen kaum jemanden wirklich interessiert. Bücher als Massenware sind wie andere Waren auch, ein ex und hopp-Produkt. Und Lesen bildet nicht, sondern verdummt. Diese Wahrheit kommt jetzt in der schönen neuen Welt des digitalen Zeitalters zum Vorschein, in der Buchstaben und Infos konsumiert werden, aber niemand mehr weiß, was er damit anfangen soll.

Das entscheidende Jahr 1941

Das Ende seiner Kindheit kann Slavko Goldstein aus Karlovac genau datieren. Es war der 13. April 1941. Der 13jährige Slavko ging mit Freunden aus dem Haus, um sich die akkurat geparkten Panzer der Deutschen anzusehen, und als er zum Mittagessen nach Hause kam, war sein Vater abgeholt worden. Er sollte ihn nie wiedersehen. Drei Tage vorher erst waren die deutschen Panzer durch die Kleinstadt gerollt und wurden von den Einwohnern freudig mit der flatternden kroatischen Trikolore begrüßt, weil die Deutschen ihnen »ganz ohne Krieg« einen eigenen Staat bescherten. Zwar konnte der junge Slavko die Begeisterung für die Deutschen nicht teilen, weil er als Jude das Unheil bereits ahnte, aber an diesem Tag schien die Sonne, die jungen deutschen Soldaten rauchten in ihren Panzern entspannt eine Zigarette und unterhielten sich darüber, wohin es wohl als nächstes ginge – Türkei, Russland, Persien?, als wäge man die Vorzüge der anstehenden Urlaubsreise ab –, sie sahen nicht bedrohlich aus inmitten der Volksfeststimmung und der Willkommensreden, die auf sie gehalten wurden. Am Tag, als Slavkos Vater verhaftet wurde, traf der Ustascha-Führer Dr. Ante Paveli? in Karlovac ein, der nationale Befreiungskampf der Kroaten, der ihnen durch den Einmarsch der Deutschen und den Zerfall des jugoslawischen Königreichs erspart wurde, begann mit einem Blutbad an den Serben, die auf dem neuen kroatischen Hoheitsgebiet lebten, an den bekannten Oppositionellen und auf Geheiß der Nazis auch an den Juden.
Slavko Goldstein hat mit seinem 2007 in Kroatien und nunmehr auf deutsch erschienenen Buch »1941. Das Jahr, das nicht vergeht« ein epochales Werk verfasst. Es ist die Erinnerung eines Beteiligten vor dem Hintergrund eines bis in Details äußerst sorgfältig recherchierten Geschichtsbuches, bei dem man trotz der tausend Namen und Orte, von denen man zum ersten Mal hört, nie die Lust an der Lektüre verliert, jedenfalls wenn man begreifen will, wie es einer kleinen radikalen Minderheit von ein paar hundert Ustascha-Fanatikern, die aus dem italienischen Exil zurückgekehrt waren, gelingen konnte, innerhalb von nur wenigen Jahren mit der Ermordung von ca. 300000 Juden, Zigeunern und vor allem Serben Verheerungen anzurichten, die sich tief ins Gedächtnis der Bevölkerung einbrannten und Misstrauen, Hass und Neid hervorbrachten, eine Saat, die genau 50 Jahre später wieder aufging. Goldstein erzählt von Intrigen und Gewaltorgien, die selbst die Nazis abstoßend fanden, die als disziplinierte Mörder Wert auf Effizienz und einen reibungslosen Ablauf legten, er erzählt von der Unmöglichkeit, neutral zu bleiben, weil die Ustascha alles tat, die kroatische Bevölkerung in ihre Verbrechen zu verwickeln, sie im Zweifelsfall bei den Serben zu diskreditieren, aber er erzählt auch von Menschen, die nicht mitmachten und versuchten ganz praktisch zu helfen. Und diese wenigen Menschen waren es vielleicht auch, die Slavko Goldstein nicht an seinem Glauben an die Menschheit verzweifeln ließ. Er erlebt die Enteignung der elterlichen Wohnung, kann sich nur noch mit großer Vorsicht auf der Straße bewegen, geht schließlich mit seiner Mutter und seinem Bruder zu den Partisanen und erlebt nach dem Sieg über die Ustascha, wie die gleichen Bürger in Karlovac, die den Deutschen zugejubelt haben, nun die Partisanen hochleben lassen.
Goldstein wird zu einem der bekanntesten Journalisten und Drehbuchautoren, der der Entwicklung des Landes unter Tito sehr kritisch gegenübersteht und sich sogar eine Zeitlang überlegt, nach Israel auszuwandern. Aber er bleibt, gründet den Verlag Novi Liber, wird Präsident der Jüdischen Gemeinde und ruft die erste nichtkommunistische Partei ins Leben. Als Oppositioneller gerät er in den fünfziger Jahren ins Visier der Staatspolizei, die vor Verleumdungen nicht zurückschreckte, aber als Jude und ehemaliger Partisan konnte man ihn schlecht des kroatischen Nationalismus bezichtigen.
Goldsteins Buch trägt wesentlich zum Begreifen dessen bei, was sich zu Beginn der neunziger Jahre in Jugoslawien abspielte, als die kroatischen Unabhängigkeitsbestrebungen wieder einher gingen mit der Vertreibung serbisch besiedelter Gebiete, und ohne die Massaker auf serbischer Seite verharmlosen zu wollen, lässt sich die Verbitterung der serbischen Seite verstehen, der u.a. auf Betreiben von Joseph Fischer mit dem berühmten Auschwitz-Vergleich eine Art Alleinschuld in diesem Konflikt zugeschoben wurde als Legitimation des Nato-Einsatzes und der Bombardierung Belgrads, obwohl sie unter der Ustascha 1941 und auch im Bürgerkrieg 1991 weit mehr Verluste erleiden musste als die kroatische Bevölkerung unter den serbischen Freischärlern. Die kroatischen Nationalisten sind sowieso unbelehrbar und werden immer stolz sein auf eine Nation, die aus einem besonders abstoßenden Gründungsverbrechen hervorgegangen ist, aber auch die kroatische Bevölkerung will das alles nicht mehr so genau wissen. Goldstein hingegen hat sich in diesen Wirren und trotz der ungeheuerlichen Dinge, die er beschreibt, immer um ein gerechtes Urteil bemüht, der Zweifel ist für ihn »keine unverzeihliche Schwäche, sondern ein notwendiges Aufbäumen gegen verhängnisvolle Überzeugungen«.
Diese Redlichkeit Goldsteins ist beeindruckend, vor allem wenn man mit der geringen Resonanz einer solchen Haltung konfrontiert wird, denn ihre Vergeblichkeit ist deprimierend in Zeiten, in denen die Nationalisten in Kroatien wieder Aufwind haben nicht zuletzt auch durch den Erfolg bei der WM, wo auf Einladung von Luka Modri? der ultranationalistische Rockmusiker Marko Perkovic, der sich nach der Maschinenpistole Thompson nennt und dessen Ustascha-faschistischen Liedtexte in mehreren europäischen Staaten verboten sind, mit feierte und sogar in deutschen Medien vom legitimen »Stolz« der Kroaten die Rede war.

Slavko Goldstein, »1941. Das Jahr, das nicht vergeht«, aus dem Kroatischen von Marica Bodroži?, S. Fischer, Frankfurt 2018, 608 Seiten, 30.- Euro

Bukowskis Gott Arturo Bandini

Endlich erlebt John Fante auch in Deutschland ein kleines Revival. Seine in den Achtzigern als Geheimtip herausgekommenen Bücher werden jetzt von Alex Capus neu übersetzt, und zwar ganz großartig, und das zuletzt bei Blumenbar erschienene »1933 war ein schlimmes Jahr«, in dem ein Junge von einer Karriere als Baseball-Star träumt und ebenso absurd wie liebevoll seinen Schlagarm einölt, wurde begeistert besprochen. „Der Weg nach Los Angeles“ heißt der neue Roman, der bereits 1935/1936 geschrieben, aber nie veröffentlicht wurde, weil, wie man dem informativen Nachwort von Alex Capus entnehmen kann, Verlage wie der renommierte Alfred A. Knopf mit „ausgesprochen großer Enttäuschung“ feststellten, dass das Buch „einer Publikation unwürdig“ sei.
Diese Ablehnung war ein Tiefschlag für den erst 26-jährigen Fante, weshalb er das Manuskript in einer Schublade versenkte. Aber der Sohn italienischer Einwanderer hatte den Sound seiner künftigen Geschichten gefunden und den Dreh heraus, wie er sie schreiben würde. Zuspruch bekam er dabei von H.L. Mencken, einem der großen und gefürchteten Autoren, Journalisten und Polemiker (der Henryk M. Broder der damaligen Zeit), der wiederum ein Vorbild von Hunter Thompson wurde. Erst zwei Jahre nach seinem Tod wird Fantes Erstling wieder hervorgeholt und veröffentlicht, und man weiß sofort, warum Charles Bukowski einmal gesagt hat: „Fante ist mein Gott.“
Der 18-jährige Arturo Bandini lebt nach dem Tod seines Vaters mit seiner Mutter und seiner Schwester zusammen und muss in einer Fischfabrik arbeiten, damit die Familie über die Runden kommt. Er ist eine Nervensäge, ein Besserwisser, ein aufgeblasener kleiner Wicht, ein Angeber – und man hat ihn sofort in sein Herz geschlossen. Er hat zwar eine große Klappe und hält sich für einen großen Schriftsteller, der diese Tatsache ratlos dreinblickenden mexikanischen Hilfsarbeitern, mit denen er an einem Fließband steht, beibiegen muss, aber er ist harmlos. Und er leidet unter sexuellem Notstand. Die Frauen sind für ihn so etwas wie außerirdische Wesen, die real nur auf Hochglanzpapier existieren und mit denen er sich in einem Kleiderschrank vergnügt. Er ist imstande sich Knall auf Fall zu verlieben, wahllos, aber leidenschaftlich und aus der Ferne. „Ich blieb an der Stelle stehen, an der die Frau ihr Streichholz an der Mauer angerissen hatte. Da! Ein kleiner, schwarzer Strich. Ich berührte ihn mit den Fingerspitzen. Köstlich.  Du kleiner schwarzer Strich, dein Name ist Claudia. O Claudia, ich liebe dich. Ich werde dich küssen, um dir meine Hingabe zu beweisen. Ich schaute mich um. Links und rechts zwei Blocks weit kein Mensch. Ich beugte mich vor und küsste den schwarzen Strich.“ Dann sieht er, „dass die Mauer mit tausenden von schwarzen Holzstrichen übersät war. Angeekelt spukte ich aus.“ Und als er bemerkt, dass er von einem alten Mann bei seinem seltsamen Treiben beobachtet wird, rennt er „zitternd vor Scham“ nach Hause.
Dort setzt er sich noch in der selben Nacht hin und schreibt ein Buch mit dem Titel „Ewige Liebe“ oder „Die Frau, die einen Mann liebt“, fürchterliche Prosa, die seiner Schwester in die Hände fällt, die das Buch doof und klugscheißerisch findet, weshalb er sie mit einem Schwall von Beschimpfungen in bester Haddockscher Manier überschüttet: „Du katholische Ignorantin! Du dreckige Missionarin! Du widerwärtige, ekehafte, idiotische Jungfer!“ Und man befindet sich mitten in einem wundervollen Streit, wie sich nur Geschwister streiten können und bei dem es richtig zur Sache geht, denn schließlich bekommt Arturo eine Vase an den Kopf geschmissen. „Dein Held sollte gleich auf Seite eins sterben, dann wäre die Geschichte besser“, sagt die Schwester. Und so sehr er seinen Roman auch gegen die „klösterliche Schlampennutte aus dem Bauch einer römischen Hure“ verteidigt, es dämmert ihm langsam, dass seine Schwester recht haben könnte.
Diese rohe, nicht gerade feingeistige Prosa springt einen an und lässt nicht mehr los, bis man alles verschlungen hat, denn selten wurde ein pubertierender Junge mit dem ganzen Größenwahn und den ganzen Selbstzweifeln so gut in Szene gesetzt, und zwar mit einem inneren Monolog, der einen ständig vor sich hinkichern lässt. Die Kunst John Fantes besteht darin, dass dieses ständige Auf und Ab der Stimmung, die innere Zerrissenheit seines Protagonisten überhaupt nicht auf die Nerven geht, sondern einen in den Bann zieht, vielleicht, weil man sich vage erinnert an eine Zeit, in der alles wahnsinnig existentiell war, es mindestens um Tod und Leben ging und man sich dabei in Wirklichkeit nur selbst im Weg stand. Und das ist so hinreißend komisch beschrieben, dass man diesen Roman nur lieben kann. Und zwar bedingungslos, auch wenn man weiß, dass man es keine fünf Minuten mit diesem Arturo Bandini aushalten würde.

John Fante „Der Weg nach Los Angeles“, aus dem Englischen und mit einem Nachwort versehen von Alex Capus, Blumenbar, Berlin 2017.